City: Leseprobe

CITY: Der unwahrscheinlichste aller Orte

Kapitel 2.

Ich wurde am 29. Februar in Bratislava geboren, genau in der Mitte Supereuropas. Ganz zu Beginn jenes Jahrhunderts, das sich gern als das letzte bezeichnete, schon als es noch kaum begonnen hatte. Mein Name ist Irvin Mirsky. Doch eigentlich bin ich Irvin Mirsky II.

Einen Irvin Mirsky hatte es nämlich schon gegeben. Mein älterer Bruder war bei seiner Geburt gestorben und meine Eltern hatten mir denselben Namen wie ihm gegeben. Sie zwangen mich meine ganze Kindheit lang, regelmäßig auf den Friedhof zu gehen, wo er beerdigt war. Ich musste ein Grab mit meinem Namen besuchen. Sie zogen mir Sachen an, die eigentlich für ihn bestimmt waren. Sie lasen mir aus seinen Büchern vor. Ich spielte mit seinem Spielzeug.

Wenn meine Mutter mit mir redete, hatte ich das Gefühl, dass sie eigentlich meinen Bruder meinte. Mein Vater gab mir oft zu verstehen, dass ich nur ein Plagiat eines Ideals war, mit dem ich mich nicht messen könnte.

Woran wohl meine Eltern dachten, als sie mich zeugten? Wollten sie nur eine Replik herstellen? Gegen den Tod gibt es kein Heilmittel. Aber auch nicht gegen die Geburt.

Meine ganze Kindheit durchlebte ich als jemand anderes. Ich kam mir vor wie ein Ersatz in einer späteren Zeit. Eine Fortsetzung. Ein Sequel. Wenn ich eine Weile Spaß an etwas hatte, wurde mir meist schlagartig klar, dass das eigentlich nicht meine Freude war, sondern dass derjenige sich amüsierte, der vor mir hier gewesen war und den ich nur vertrat und imitierte.

Alles war erst zu Ende, als meine Eltern beide bei einem Autounfall ums Leben kamen. Damals war ich elf.

Lange hatte ich das Gefühl, als wäre ich der einzige, der den Untergang von Atlantis überlebt hatte. Vorher hatte es eine komplette Zivilisation gegeben, einen eigenständigen Kontinent, und plötzlich war alles weg. Ich war als einziger Zeitzeuge übrig geblieben und musste mich nun ganz alleine an alles erinnern. Über den Wechsel an ein Internat, wo ich selbstständig werden konnte, war ich deshalb auch begeistert. Ich brauchte Veränderung.

Die meisten meiner Mitschüler hießen nach berühmten Marken. Das war modern, als unsere Eltern jung waren. Man konnte dafür von den Firmen ziemlich viel Geld bekommen, deshalb rissen sich die Familien regelrecht darum. In den Kinderwagen wimmelte es damals nur so von Babys, die nach Autos, Lebensmitteln, Möbeln oder Parfums benannt waren. Die Mädchen hießen Lancia, Nivea, Novartis, Porsche oder Nestlé, die Jungs Gucci, Evian, Hilfiger oder Renault.

Noch schlimmer dran waren die Kinder, die einen so unerträglich langen Namen wie GlaxoSmithKline, Time Warner Cable oder Doppelnamen wie Thyssen Krupp trugen. Viele Mitschüler mussten zudem während ihrer Schulzeit teilweise mehrmals den Namen wechseln, wenn die von ihnen beworbene Firma verkauft wurde oder gar Pleite ging.

Die meisten mochten ihre Namen nicht, aber sie konnten ja nichts dagegen tun. Aus ihren Verträgen kamen sie nicht heraus. Deren Auflösung hätte ein Vermögen gekostet. Wenn sie sich vorstellten, mussten sie außer ihrem Namen oft auch noch einen Slogan aufsagen, wofür es von den Firmen noch mehr Geld gab.

„Hallo, ich bin McDonald’s. Ich liebe es“, stellte sich mir ein Mitschüler vor.

„Irvin? Freut mich, ich bin Apple. Think different“, verkündete meine Banknachbarin.

„Hallo. Hier ist Vichy, weil Gesundheit auch Hautsache ist“, tönte es aus dem Telefonhörer.

Ich selbst bin nur dank der Tatsache verschont geblieben, dass es diese Mode zur Zeit, als mein Bruder auf die Welt kam, noch nicht gab. Ein normaler Name – das ist das einzige, wofür ich ihm dankbar bin. Bei meiner Geburt bekamen meine Eltern schon in der Entbindungsklinik zahlreiche Angebote, aber ihr Entschluss, mich zu einem Ersatzmann zu machen, war stärker.

Schon damals wartete ich nur noch darauf, dass ganze Länder umbenannt und dadurch Staaten wie RedBullgarien, Whirlpolen, Chevrolettland, Pumarokko oder Mazdadonien auf der Landkarte auftauchen würden.

Die Jahre, in denen ich aufwuchs, verkündeten oft selbst von sich, die fröhlichsten aller Jahre zu sein. Endlich war der Babyboom gekommen. Eine Ära, die der neuen Konsumgeneration gehörte, die in einen Wohlstand hineingewachsen war, wie ihn die Welt bisher nicht gekannt hatte.

Doch ich empfand das überhaupt nicht so. Jeden Tag sollte man in vollen Zügen genießen, aber ich verlor stattdessen einen nach dem anderen. Es war modern, so zu lächeln wie Figuren aus der Werbung, doch mir wollte das einfach nicht gelingen.

hvorecky_city

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