Harmloser orientalischer Bandit

Es wundert mich immer noch, wie einige Leute in Deutschland und Österreich reagieren, wenn ich Ihnen sage, dass ich aus der Slowakei komme.

Vor ein Paar Monaten habe ich mein erstes Bankkonto in einer kleinen Bank im Westmünsterland eröffnet. Mein allererster deutscher Sachbearbeiter hieß Herr Funke. Er begrüßte mich vor einem sehr glücklichen Familienplakat und ich drückte seine kalte Hand. Er nahm mich mit in sein Büro und setzte sich an seinen Computer, der überraschend altmodisch aussah.

„Ich bitte Sie um ihren Personalausweis. Aber erst noch, für unsere interne Statistik: In welchem Bundesland wohnen sie?“

„Wissen Sie, ich komme nicht aus Deutschland.“

„Aha! Und woher?“

„Aus Bratislava. Aus der Slowakei,“ sagte ich.

Herr Funke drehte sich blitzschnell von seinem blauen Monitor zu mir um, mit einem völlig anderen, irgendwie total sanften Gesichtsausdruck. Auf den Lippen hatte er ein sonderbares süßes Lächeln, als wäre er auf einmal der Moderator einer karitativen Weihnachtssendung.

Ein Pressburger Deutscher, dachte ich gleich, der mir jetzt eine epische Saga über Vertreibung, verlorene Heimat und historische Ungerechtigkeit erzählen wird, bis ich ihm sage, dass mein Großvater Stefan Kirchmayer hieß und zur Minderheit der Zipser Deutschen in der Nordostslowakei gehörte (eine fast vergessene Volksgruppe) – also waren wir sozusagen Landsmänner! Doch Funke reagierte ganz anders.

„Wirklich? Aus Bastislova? Sind Sie nicht hungrig?“, fragte er mit softer Stimme, die mich sehr an die spontanen gerührten Aussagen von Adoptivmüttern wie Madonna oder Angelina Jolie auf afrikanischen Flughäfen bei der Übergabe der Kinder erinnerte.

Ich besitze schon seit siebzehn Jahren ein Bankkonto, aber so eine Frage hat mir noch kein Bankbeamter gestellt, und eigentlich habe ich schon eine Menge tschechischer und slowakischer Geldinstitute ausprobiert, die besondere Leistungen und individuelle Hilfe versprachen.

Ich fühlte mich, als wäre ich gerade aus dem Zentrum der Genozide in Darfur gekommen. Herr Funke war mich gleich super sympathisch.

Endlich verstehe ich, warum die deutschen Banken so einen wunderbaren Ruf im Ausland haben. Kein Wunder: Es wird jedem Kunden gleich ein warmes Essen angeboten!

Einen kurzen Augenblick überlegte ich zu sagen: „Ja, eigentlich habe ich wirklich Hunger!“ Was wäre dann passiert? Hätte mir der liebe Herr Funke etwas Urdeutsches wie schwäbische Spätzle oder Frankfurter Würstchen auf seiner Elektroplatte im Hinterzimmer des Büros gemacht?

„Nein, danke, ich habe gerade gegessen,“ log ich. Beim Gedanken an ein großes Sparkassenmittagessen bekam ich gleich richtiges Magenknurren.

„Übrigens, einer der Chefs einer deutschen Bank hat gestern für mich gekocht, das war sehr lecker“, könnte ich dann ganz locker meinen Freunden in Bratislava und Prag eine Email schreiben.

Irgendwie war ich aber eher in der Stimmung, das falsche Kusturica-mäßige Old-school-Image meines Landes zu korrigieren, das in Wirklichkeit das zweitschnellste Wirtschaftswachstum in Europa aufweist. Auch so ein Symbol des deutschen Konsumverhaltens wie der Volkswagen Tuareg wird doch in Bratislava produziert!

„Wissen Sie, die Slowakei ist nicht mehr so unbekannt und exotisch wie früher. Sie haben sicher schon etwas von der Hohen Tatra gehört, eins unserer Gebirge, wo sehr viele Deutsche im Sommer zum Wandern hinfahren. Oder Košice, zu Deutsch Kaschau, eine ehemalige deutsch-ungarische Stadt, wo der Schriftsteller Sándor Márai geboren wurde. Vielleicht ist Ihnen der berühmte Kurort Piešťany bekannt, wo jeder russische Oligarch mindestens einmal jährlich ins heiße Sprudelwasser eintauchen muss?“

„Das klingt alles so schön und so interessant, das muss ich zugeben. Aber ich war leider noch nie so weit östlich von Russland,“ antwortete Herr Funke und fügte hinzu, dass von mir er auf keinen Fall irgendwelche Gebühren für die Kontoeinrichtung verlangen würde.

„Oh, haben Sie vielen Dank! Das war doch nicht nötig!“, erwiderte ich.

„Sie werden dann von unserer Bank einen Brief mit Ihrer Geheimzahl bekommen. Dieser Brief wird maschinell erstellt und ist deswegen nicht unterschrieben. Trotzdem ist er gültig“, erklärte Herr Funke weiter.

„Ja, in Ordnung, das kenne ich von Zuhause auch.“

„Nein, das kennen Sie nicht. Dieser Brief wird wirklich maschinell erstellt und ist deswegen wirklich nicht unterschrieben. Das machen bei uns Computer“, sagte Herr Funke mit Nachdruck.

Darauf hatte ich keine Antwort. Wahrscheinlich liest Herr Funke in seiner Freizeit, wenn er müde ist nach al dem Bürospätzle Kochen, sehr viele klassische Horrorromane wie „Dracula“, und dann packt ihn die uralte mythische Angst vor den gefährlichen Osteuropäern, die sogar behaupten Computerkenntnisse zu haben.

In „Dracula“ kann man übrigens die international bekannteste literarische Beschreibung der Slowaken finden – die Nation, die Bram Stoker in Transsylvanien zu finden vermutete. Sehr poetisch schreibt er über eine „harmlose und wenig kämpferische orientalische Truppe von Banditen“. (The strangest figures we saw were the Slovaks, who were more barbarian than the rest…“)

Diese Nachricht hat Bram Stoker ganz sicher nicht maschinell erstellt und er hat sie auch unterschrieben. Trotzdem ist sie seitdem gültig.

nosferatu

Die Geschichte erschien in der Zeitung für Literatur Volltext.

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