Eskorta: Leseprobe

Teil 1, Kapitel 1

Ich war schon immer davon überzeugt, dass ich als Frau besser ausgesehen hätte: ein ovales Gesicht mit blasser, glatter Haut und einer kleinen Nase, kerzengerade lange und schlanke Beine, ausladende Hüften, eine schmale Taille, hellblaue Augen, blondes Haar und weiße Zähne. Die festen Arme und breiten Hände waren zwar für große Gesten gemacht, doch blieben sie bei mir allzu sanft für einen Mann. Meine sterbliche Hülle wirkte trotz ihrer beachtlichen Größe von 1, 91 Metern fragil.

Die Schultern hätten wesentlich breiter sein müssen, der Brustkorb gewölbter, das Kinn schärfer geschnitten, die Wangenknochen markanter, der Blick energischer. Auch lange Haare hätten mir gut gestanden. Ich hatte fast keine Augen brauen und kein einziges Härchen in den Achselhöhlen. Meine Brust blieb verblüffend glatt.

Schon seit frühester Kindheit musste ich mir immer wieder Sätze anhören wie »Das könnte aber auch eine hübsche Tochter sein!« oder »Du hättest wohl ein Mädchen werden sollen?«. Noch mit neun Jahren passierte es, dass mich auf Spaziergängen mit meinen Eltern Leute ansprachen: »Na, meine Kleine, wie heißt du denn?«

Wenn mein Vater sagte, dass ich Michal heiße, entschuldigten sie sich: »Verzeihung. Du bist also ein Junge? Wirklich? So ein goldiges und niedliches Kerlchen!«

Zwischen zwölf und dreizehn nahm mein Gesicht noch weiblichere Züge an. Die Veränderung meines Aussehens hatte zur Folge, dass mich Leute, die mich zuletzt mit elf gesehen hatten, entgeistert musterten. Es stach in die Augen. Auch meine Eltern hätten das bemerken müssen.

Es machte den Eindruck, als könne sich meine männliche Identität nicht in vollem Umfang entfalten. So manches Detail, das andere an mir hervorhoben, betrachtete ich als Mangel. Sogar meine eigene Stimme war für mich wie die eines Fremden, denn sie klang, auch als ich erwachsen war, noch weich und zart und wenig prägnant.

Mein eigener Körper störte mich, ja, fast quälte er mich. Als wären beide Geschlechter in mir verborgen. Ich hätte zum neutralen Geschlecht gehört, wenn es so etwas gegeben hätte.

Trotz alledem wollte ich damals diese Frau noch nicht töten. Die Frau in mir.

eskorta1

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