Stavba

Vor kurzem habe ich zusammen mit Martin Leidenfrost die neue Strabag Zentrale in der Gegend Mlynske Nivy in Bratislava besucht und war begeistert. Die Dachterrasse bietet einen atemberaubenden Panoramablick auf die Stadt an der Donau. Der Verwaltungsbau stammt von Wiener Architekturbüro MHM.

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Die europäische Kultur ist im Unterschied zur amerikanischen eine Kultur der Städte. Allerdings: Lange wurde bezweifelt, dass Bratislava zu Europa gehört. Und so hat die Architektur ihren europäischen und städtischen Charakter über Jahrzehnte eingebüßt. Das bauliche Erbe der kommunistischen Ära lässt sich mit einem Wort beschreiben: Es ist eine Katastrophe.

Ein Szenenbildner hat es einmal so formuliert: Die Architekten in der Tschechoslowakei bauen in Beton gegossene Schande. Auch Bratislava ist Bestandteil der monströsen sowjetischen Geschichte einer sozialistischen Aufbau-Utopie, verfasst von den entferntesten asiatischen Sowjetrepubliken bis hin nach Berlin.

Bratislava, wie ich es aus meiner Kindheit in Erinnerung habe, war still, grau und dunkel. Seine überdimensionierten Plattenbauviertel hätten Kulissen aus einem expressionistischen Stummfilm sein können. Die besondere geografische Grenzlage, die der Stadt in der Vergangenheit so viele Vorteile gebracht hatte, wurde nach 1948 zum Fluch: Bratislava war nun von Stacheldraht umgeben, was den Eindruck von hermetischer Isolation intensivierte. In vielen Vierteln wurden Chruschtschows Pläne, alles Überflüssige im Bauwesen zu eliminieren, zur Vollendung gebracht.

In jenem Staat, der die eigenen Bürger zu seinen größten Feinden erklärt hatte, hüllte sich die Architektur in Schweigen. Auch als die Neologische Synagoge und das Weidritz-Viertel abgerissen wurden, meckerte man höchstens zu Hause. Und auch da nur ganz leise, damit die Nachbarn nichts mitbekamen.

Vor zwanzig Jahren verschwanden mit einem Schlag jene Grenzen, und seitdem dehnt sich die Stadt in schwindelerregendem Tempo aus. Die Slowaken kaufen Grundstücke in den benachbarten Regionen Ungarns und Österreichs. Die dortigen Anwohner kommen gar nicht mehr aus dem Staunen heraus.

Die westeuropäischen Megastädte indes haben aufgehört zu wachsen. London wird wieder kleiner, Paris verzeichnet ein Wachstum von nur einem Prozent. Und siehe da: Bratislava ist wieder da.

In der Strabag Zentrale befindet sich die grosse Kunstsammlung des Unternehmens mit Werken von Anselm Glück, Hermann Nitsch, Boris Ondreička und vielen anderen. House Attack von Erwin Wurm wurde auf der Kante von Dach und Fassade kopfüber montiert. Es entsteht dabei der Eindruck, als wäre das Famielienhaus soeben vom Himmel gefallen und in das Gebäude gekracht. Die zeitgenössische europäische Kunst den Zeitgenossen anzubieten – so was ist in Bratislava auch zwanzig Jahren nach der Wende immer noch vermisst.

Ich wünsche der Strabag, sie möge sich in Bratislava so wohl fühlen wie ich – eben wie zu Hause. Herzlich Willkommen an der Grenze zwischen schrecklichem Licht und unglaublicher Dunkelheit.

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Die beiden Fotos sind von Hertha Hurnaus, die Autorin der wunderbaren Website und des Buches Ostmoderne.

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