Ende einer Kindheit. Sommer 1989

Der erste Sommer, von dem ich ausführlichen Bericht erstatten kann, begann vor genau zwanzig Jahren. Bis dahin gestalteten sich meine zwei Ferienmonate fast immer gleich.

Meine Familie gehörte nicht zu den privilegierten und durfte fast nirgendwohin ins Ausland reisen. Deswegen sind wir immer am 1. Juli aus Bratislava zu unserer Hütte in der Niederen Tatra gefahren und erst am 31. August zurückgekehrt.

Von diesem Gebirge aus unternahmen wir sporadisch Ausflüge zu international so anerkannten Destinationen wie Kokava nad Rimavicou (Kockenau), Domažlice (Taus) oder an den Stausee Zemplínska Šírava, der aus purer Verzweiflung auch „Slowakisches Meer“ genannt wird. Die westlichste Stadt, die ich je besucht hatte, hieß bezeichnenderweise Ostberlin.

hvorecky family

Die Naturidylle um das alte Haus inmitten der Berge wurde nur von den Piloten der sowjetischen Besatzungsarmee, die vom Militärflughafen in der Nähe von Banská Bystrica (Neusohl) abhoben, regelmäßig in ohrenbetäubender Weise gestört.

Ihre Aufgabe war klar: sorgfältig aufzupassen, damit es die Massen von Westeuropäern, die sich nach dem vollwertigen Leben in meiner Heimat Tschechoslowakei sehnten, nicht über die Grenze schafften.

Anfang Juli 1989 fuhren wir allerdings nach Ungarn, in den Thermalkurort Eger (Erlau). Das Wort Wellness existierte damals noch nicht. Als Zwölfjährigen interessierten mich Schlammpackungen oder Heilgymnastik sowieso nicht.

Ich hoffte nur, dass ich in einem der überraschend gut sortierten Geschäfte und Märkte des Gulasch-Regimes die knallig-grünen Schnürsenkel, die Mirrorshades-Sonnenbrille und hoffentlich auch eine nachgemachte Jacke mit drei Streifen kriegen würde.

Eine Reise nach Ungarn erforderte damals eine ähnlich gründliche Vorbereitung wie heute ein Transatlantikflug für Drogenschmuggler. In die Haut- und Zahncremetuben sowie in die Stäbe unseres Zeltes friemelte ich mit meinem Bruder D-Mark-Scheine hinein, die unsere Eltern zu einem ungeheuerlichen Schwarzmarktkurs getauscht hatten.

In Einweckgläsern machte meine Mutter das Essen für jeden einzelnen Tag des Urlaubs zurecht. Der zweiwöchige Aufenthalt auf einem Campingplatz, den jeder seriöse Hygienekontrolleur sofort schließen lassen würde, kostete so viel, dass dafür fast die ganzen Ersparnisse der Familie draufgingen.

Die Sommer meiner Kindheit waren schläfrig wie Reden auf Parteiversammlungen, zum Gähnen langsam wie unser Trabant auf der Autobahn und eintönig wie die Nachmittagssendungen des Tschechoslowakischen Sozialistischen Rundfunks. Aber in Ungarn war alles anders.

Der Zeltplatz war bis auf den letzten Platz voll, das große Areal unter den uralten Platanen war von Schlafsäcken und Autos bedeckt. Fast fanden wir keinen Platz mehr für unser Familienzeltmonster in Orange, das fast eine Tonne wog, und trotzdem konnte man sich im Innern kaum bewegen oder gar ausstrecken.

Auch die anderen Touristen waren in den ostdeutschen Autos aus Duroplast angereist, die auf der Heckklappe den absurden Schriftzug de Luxe trugen. Überall hörte ich den zischelnden sächsischen Dialekt. Etwas lag in der Luft. Die enorme Spannung spürten auch die Kinder.

Die entsetzlichen Gemeinschaftswaschräume, in die man sich schämen würde, Rinder hineinzutreiben, waren voll mit nervösen Menschen.

Nie sprach man über die Sonne oder über das Türkische Bad, immer wurde nur konspirativ und geheimnisvoll geflüstert. Mir war das ziemlich egal. Meine Welt drehte sich nur um die leckeren Schokoladenpalatschinken, die Plakate von Sandra und Michael Jackson (der damals noch schwarz und äußerst lebendig war) und die in meiner Heimat verbotenen Comic-Hefte in einer Sprache, die ich aus Trotz nicht verstand: „Köszönöm szépen!“

kupalisko

An einem Morgen wachte ich verschwitzt in unserem Zelt auf, das heiß wie ein Kanonenofen war. Schläfrig öffnete ich den Reißverschluss, schob meinen Kopf hinaus und rieb mir die Augen.

Erst glaubte ich noch zu schlafen und sehnte mich eher nach meinem Traum mit Nscho-tschi zurück, Winnetous Schwester, die in den Filmen von dem bezaubernden Pin-up Marie Versini gespielt wurde. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass ich wirklich putzmunter war.

Wir waren auf dem Campingplatz völlig allein. Nirgends ein Mensch. Nur übermächtige, atemberaubende Stille. Überall um unser Zelt herum standen verlassene Trabis.

Die Kolonnen von leeren Autos erstreckten sich über mehrere Ortschaften, teils Dutzende Kilometer von der Grenze entfernt, wo am 27. Juni Alois Mock, damals österreichischer Außenminister, und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn den Stacheldraht des Eisernen Vorhangs durchschnitten hatten.

Auf dem zertrampelten Gras lagen weggeworfene ostdeutsche Produkte, die ich auf keinen Fall gern besessen hätte. Trotz des intensiven Gefühls der Einsamkeit überkam mich eine seltsame, draufgängerische Euphorie.

Verwirrt, aber auch außerordentlich intensiv nahm ich wahr, dass sich hier gerade etwas endgültig veränderte, nicht nur mit diesem Ferienaufenthalt, sondern mit meinem ganzen Leben und mit der Welt, wie ich sie kannte.

Von Politik verstand ich nichts, aber ich wusste, dass in diesem Moment meine Kindheit zu Ende ging, dort, in der ungarischen Provinz, an jenem brennend heißen Morgen im Sommer 1989.

Der Text erschien in Deutschland in der F.A.Z. und in Österreich im Falter.

michal hvorecky 1989
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Ein Gedanke zu “Ende einer Kindheit. Sommer 1989

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