Wir Kinder unterm Fernsehturm

Den Ort, an dem ich diese Zeilen schreibe, wird es in zwei Jahren offensichtlich nicht mehr geben. Ich sitze in meinem Minibüro in der Bratislavaer Továrenská ulica, der Fabrikgasse, im ehemaligen Forschungsinstitut für Kabel und Isolatoren. Diese elektrischen Drähte müssen zu Zeiten des Kommunismus echt gut erforscht gewesen sein!

Es sieht hier aus wie in einem Laboratorium des sowjetischen Konstruktivismus oder in dem Proberaum, in dem Kraftwerk ihr Album „Die Mensch-Maschine“ aufgenommen haben. Das kafkaeske Gebäude ist gähnend leer, der Projektentwickler hat es nur gekauft, um es abzureißen.

Die Wirtschaftskrise stoppte die Pläne, so zogen junge Künstler in das Objekt. Billigere Mieten lassen sich in Bratislava nicht finden – die Immobilienpreise übersteigen oft die in Wien. Beginnende Kreative in der Slowakei leben traditionell von der Hand in den Mund, und der Staat interessiert sich nicht die Bohne für sie. Von wegen Verzärtelung durch Stipendien und Kreativaufenthalte! Stattdessen die harte marktwirtschaftliche Realität des Turbokapitalismus.

Die Medien verkündeten jüngst eine Überraschung: Die Gewinnerin des internationalen Wettbewerbs zur Bebauung der Umgebung ist Zaha Hadid.

Bald werden die Überbleibsel des real existierenden Sozialismus möglicherweise organisch fließender Hochhausarchitektur weichen. Investor und Auftraggeber ist einer der typischen osteuropäischen Megakonzerne, der mit allem Geschäfte macht, vom Maschinenbau über Bankwesen bis zu Tiefkühlgeflügel. Die Leute, denen vermutlich ein Viertel der Slowakei gehört, hat kaum einer je gesehen, und wenn, dann auf einer Jacht vor Zypern.

Aus dem Fenster blicke ich auf den Busbahnhof und auf eingezäunte, mit Gestrüpp überwucherte Baugrundstücke. Gut gefüllte Überlandbusse erreichen hier ihr Ziel. Die Leute steigen aus, sie folgen ihren Träumen, und die meisten kehren nicht mehr nach Hause zurück. In Bratislava leben nur ein paar echte Pressburger. Jeder ist von irgendwo.

In der Welt gibt es viele Orte mit dramatischerer und reicherer Geschichte, aber nur sehr wenige, die an der Donau liegen und ungarisch, deutsch, jüdisch und slowakisch gleichzeitig waren. Der Anfang von Bratislava war eine Furt durch die Donau, weit und breit die einzige. Hier kreuzten sich die Bernsteinstraße aus dem Norden und die Seidenstraße aus dem Osten.

Als die Bürger der Stadt einmal eine Delegation zu Franz Joseph nach Wien sandten, fragte der Kaiser, ob sie Ungarn oder Deutsche seien. „Mir san halt Pressburger“, antworteten sie.

1910 hatte Pressburg 78.000Einwohner, doch nur jeder siebte war Slowake. Paradoxerweise war die größte „slowakische“ Stadt Budapest, wo viele Arbeiter aus Oberungarn in Lohn und Brot standen. Fast die Hälfte der Slowaken waren Analphabeten. Die nicht eben zahlreiche Aristokratie hatte sich, weil sie sich davon politische und ökonomische Vorteile versprach, magyarisiert.

Noch 1921, drei Jahre nach Entstehung der Tschechoslowakei, gab es in Bratislava nur Straßenbahnfahrscheine mit der Aufschrift „Pozsonyi Villamossági Részvénytársaság“, und die heilige Messe wurde meist auf Ungarisch und Deutsch zelebriert. Im Zweiten Weltkrieg deportierte man die Juden, nach dem Krieg die Deutschen, und viele Ungarn übersiedelten aufs Land. Nach dem kommunistischen Umsturz vom Februar 1948 erhielt das slowakische Element souverän die Oberhand.

Nach langer Stagnation durchlebt Bratislava nun im 21.Jahrhundert eine stürmische Entwicklung. Junge slowakische Direktoren leiten große ausländische Firmen, die Arbeitslosigkeit ist fast auf null gesunken und im Vorjahr entstand die erste Donauuferstraße mit Hyperkonsumzone. Die Stadt blüht und gedeiht, die Bratislavaer kaufen Grundstücke, sogar in grenznahen Gebieten von Ungarn und Österreich.

Obwohl die kleine Schicht Superreicher geschickt einen auf New York macht, lebt der normale Bratislavaer weiter von 700 Euro monatlich und zahlt für den Rest des Lebens Kredite ab. Ein Drittel der Einwohner wohnt in den Plattenbauten von Petržalka.

Dort ist auch der Sänger, Texter und Drucker Tomáš Ďurovka zu Hause, Jahrgang 1970, typische Pressburger Mischung: die Mutter orthodoxe Katholikin, der Vater überzeugter Kommunist und Nachfahre serbischer Slowaken. Die Bauernfamilie verlor im Zuge der Verstaatlichungen in den Fünfzigerjahren Grund und Boden und landete schließlich in Bratislava.

Tomáš, das Plattenbaukind, wuchs in einer Art Schizophrenie auf: „Ich bin jeden Sonntag zur Kirche gegangen, aber gleichzeitig hab ich sowjetische Filme geliebt. Als Kind hab ich gedacht, dass es die Leute im Kommunismus am besten haben. Meine Mutter impfte mir ein, nie aus der Masse hervorzustechen, unauffällig zu sein. Ich hatte Angst vor der Polizei. Mein Vater fuhr mit seinen Gästen aus der UdSSR und Vietnam in einer schwarzen Limousine, vor der Revolution betrank er sich vor Glück, danach aus Unglück. Meine Mutter wieder hat nie was auf den Pfarrer Jozef Tiso und seinen slowakischen Staat zur Zeit des Zweiten Weltkriegs kommen lassen. Erst als ich das Mikro in der Hand hatte, spürte ich eine Befreiung und konnte alles rauslassen.“

Tomáš‘ Alternativ-Rockband Med (Honig) hat in der Stadt Kultstatus, obwohl sie bis heute kein Album veröffentlicht hat. „Hier kennt jeder jeden, aber wir sind nicht in der Lage, das auszunutzen. Es gab Zeiten, da haben sie im Fernsehen zwei Clips von uns auf einmal gespielt. Ich hoffe, wir kriegen’s jetzt endlich mal hin, eine CD zu machen. Material haben wir für drei.“

In Bratislava ist immer viel zu viel Wein getrunken worden. Auch in Tomáš‘ Leben hat Alkohol eine Rolle gespielt. Der römische Kaiser Probus gab die Bewilligung, an den Hängen der Kleinen Karpaten Wein anzubauen, was bis dahin außerhalb der Grenzen des Römischen Reiches verboten war. Lessing schrieb nach einem Besuch der Stadt ein satirisches Gedicht darüber, dass Könige keinen Wein trinken sollten, denn schon nüchtern würden sie viel Schaden anrichten, ganz zu schweigen davon, wenn sie betrunken wären.

Tomáš will sich voll dem Musikmachen widmen. „An einem Abend werde ich nach einem Konzert in Krakau höflich von unserem Konsul begrüßt, einen Tag später krieg ich in der Fabrik einen Anschiss von meinem Chef. Obwohl Med nicht in den Radios läuft, tauchen wir ab und zu auch in den privaten Fernsehsendern auf. So was ist echt nur bei uns möglich.“

In den melancholischen, authentischen Liedern finden sich Verweise auf Lou Reed, Bob Dylan, den tschechoslowakischen Folk-Rebellen Karel Kryl, aber auch auf den ambitionierten slowakischen Pop der 80er und Einflüsse von New Wave und Punk. Wenn ich seine ungekünstelten und topografisch konkreten Verse höre, denke ich an die Bratislavaer Viertel, die der Abrissbirne zum Opfer fielen, mit denen auch etwas von den Menschen verschwand, ich erinnere mich an meine Kindheit im real existierenden Sozialismus und träume ein bisschen, obwohl ich wach bin.

„Für mich ist Bratislava vor allem Emotion. Wenn ich von Weitem den Fernsehturm sehe, weiß ich, dass ich jetzt zu Hause bin, und das macht mich glücklich.“

Unterhalb des Fernsehturms wohnt in einem neuen Haus eine der bekanntesten jungen slowakischen Schauspielerinnen, Zuzana Fialová. Neben ihren großen Theaterrollen – sie gibt die Anna Karenina oder auch einen weiblichen Mephisto – schafft sie es noch, TV-Sendungen zu moderieren, in einer Show zu tanzen, eine Krimiserie zu drehen und Filmrollen zu spielen. International Anerkennung fand sie durch ihre Hauptrolle in „Wino truskawkowe“ (Erdbeerwein) nach Andrzej Stasiuks „Galizischen Geschichten“. Momentan dreht sie in Tschechien „Lidice“, bei dem der Schöpfer von „Amores Perros“ und „Frida“ hinter der Kamera steht.

Sie macht kein Geheimnis daraus, dass sie reich geworden ist, aber es war ein langer Weg: Als Tochter eines berühmten slowakischen Bergsteigers und einer Krankenschwester wuchs sie in der Plattenbausiedlung Krasňany im sogenannten Experimentálka-Haus auf. Der kommunistische Wohnblock mit dem roten Stern auf dem Dach nahm das gleiche Ende wie das Regime, für das er stand: Erst geriet er in Schieflage, und als ans Licht kam, wie gesundheitsschädlich die Baumaterialien waren, mussten die Bewohner ausziehen.

„Mein Vater ist den ganzen Sommer in den Bergen herumgeklettert, den Winter hat er auf Ski verbracht. Er gehörte zu den prominenten Sportlern, daher durften wir auch nach Österreich. Aber meine Kindheit war einsam. Mit fünf hab ich Lesen gelernt und bin dann die Bibliothek meiner Eltern von A bis Z durchgegangen. Die Leidenschaft für Bücher ist mir geblieben, bloß suche ich heute darin nach Figuren, die ich spielen könnte.“

Schlägereien? Täglich! Mit sieben Jahren lebte Zuzana bereits in Petržalka. „Heute ist das Wohngebiet kultiviert, aber damals war’s Wildnis. In einem Eingang gab es einen Schachzirkel, im nächsten ein finsteres Loch, wo Pervitin gekocht wurde. Schlägereien zwischen einzelnen Straßen waren an der Tagesordnung. Als Teenager bin ich von dort immer in die Altstadt geflüchtet, das hat mich gerettet: Buchläden, Theater, Kneipen und Kaffeehäuser.“

Vor Kurzem war sie einen Monat lang in New York. Sie wurde nach Prag und Warschau eingeladen, um dort zu leben und zu arbeiten, doch sie bleibt in Bratislava.

„Am liebsten mag ich die Stadt, wenn ich mich betrinke. Dann gefällt mir hier jedes Geschwür. Ich hatte nie Ehrfurcht vor Autoritäten, und wenn ich sauer bin, mach ich mein Maul auf. Angewidert bin ich auch vom Nationaltheater weggegangen. Mein Mann ist ein alter Pressburger, unsere Familie hat Gräber auf mehreren Friedhöfen. Mein Vater hat ständig versucht, meine Mutter zu überreden, dass wir emigrieren, aber sie wollte nicht. ,Hier haben wir unsere Gräber!‘ hielt sie immer dagegen.“

Die Slowakei gewöhnt sich nur langsam an erfolgreiche junge Menschen wie Zuzana. „Ich gehöre zu einer Generation von Leuten, die entweder 14 Stunden täglich schuften und es zu nichts gebracht haben, oder die an Drogen kaputtgegangen sind. Mit kommerziellen Fernsehgeschichten verdiene ich so viel Geld, dass ich gutes Theater spielen kann. Schauspieler im Ausland müssen so was nicht, aber wir sind viel flexibler. An einem Abend spiele ich russische Klassik nach der Stanislawski-Methode und am nächsten ein Gegenwartsstück im sparsamen deutschen Stil. Und wenn ich um zehn fertig bin, flieg ich los, um noch eine Mitternachtsshow für einen Kunden zu moderieren.“

Alle drei haben wir uns am Fernsehturm getroffen, der 1975 fertig wurde und untrennbar zu unserer Generation gehört, die zwei Regimes und zwei gegensätzliche Welten erlebt hat. Danach fahre ich Tomáš und Zuzana hinunter ins Zentrum.

Der Dom erinnert mich von Weitem daran, dass Pressburg Krönungsort von elf Königen und Königinnen war. Nahe der Kathedrale stand die Schule des berühmten Rabbiners Chatam Sofer, der unweit der Stelle begraben ist, wo heute der Straßenbahntunnel, der unter dem Burgberg durchführt, endet. Hierher pilgern Juden aus aller Welt. Solange die Stadt noch ihre Burg, ihre Kathedrale und ihren Fluss hat, wird sie nicht untergehen.

Hier konzertierten der kleine Mozart, der junge Liszt, Haydn und Beethoven, und Johann Strauss, der jede Woche zum Dirigieren von Konzerten kam, hat hier angeblich auf einer Manschette die Melodie des Walzers „An der schönen, blauen Donau“ notiert.

Gleich neben dem Dom saß der katholische Verein von Anton Bernolák, der als Erster versucht hat, die slowakische Sprache zu kodifizieren. Und am evangelischen Lyzeum in der nahen Konventná ulica, der Konventgasse, studierten viele Protagonisten der nationalen Wiedergeburtsbewegung im 19. Jahrhundert. Auch ohne eigenen Staat pflegten die Slowaken über Jahrhunderte ihre Sprache und Nationalkultur. Und das solchen Politikern wie Kálmán Tisza zum Trotz, der 1875 bis 1890 ungarischer Ministerpräsident war und die Existenz einer slowakischen Nation überhaupt in Abrede stellte.

Es muss nicht immer schön sein. Im Jahr 2010 ist Bratislava eine europäische Metropole und gehört zu den sich am schnellsten entwickelnden Regionen des Kontinents. Es ist weder eine ausnehmend hübsche noch besonders große Stadt, hat aber was, das keine andere Stadt der Welt hat. Zuzana, Tomáš und ich lieben Bratislava, sei es, wie es sei. Mir san halt Pressburger.

© Übersetzung aus dem Slowakischen: Mirko Kraetsch.

Die Presse, Print-Ausgabe, 17. 10. 2010

Lesen Sie auch: Stavba

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s