Die slowakischen Lügen über Václav Havel

Václav Havel hatte es nie einfach in der Slowakei. Im tschechischen Teil der Republik war er eine Art Statussymbol der Opposition, doch in der Slowakei blieb er lange fast unbekannt. Auch vor dem strengen Verbot wurden seine kritischen Theaterstücke auf unseren Bühnen kaum inszeniert. Seine wichtigen politischen Essays aus den Siebzigerjahren, die nur noch im Samizdat veröffentlicht werden durften, gab es nur in einzelnen Exemplaren im Osten des Landes, und die slowakischen Geheimagenten kannten sie viel besser als die Intellektuellen.

Heute sagt man gerne ironisch, in der ganzen Slowakei arbeiteten vor der Wende nur fünf Dissidenten, aber das ist keine Übertreibung. Als in Tschechien eine breite Oppositionsbewegung entstand, in Prag sogar eine richtige Undergroundszene und kulturelle Parallelgesellschaft um die psychedelische Rockgruppe The Plastic People of the Universe, blieb es im slowakischen Teil schön ruhig, das Land hat sich schneller „normalisiert“, das heißt, den Sowjets angepasst.

Das vom Regime „Normalisierung der Verhältnisse“ genannte System nach der Okkupation 1968 zielte darauf ab, den gesellschaftlichen Frieden mit Hilfe von hohen Sozialleistungen zu bewahren. Der Mutterschutz wurde auf unglaubliche 26 Wochen erhöht, später stiegen auch die Kindergeldbeträge. Innerhalb eines Jahrzehnts kamen eine Million meiner Altersgenossen zur Welt, bei rund fünfzehn Millionen Einwohnern eine unerhörte Zahl. 95 Prozent aller Menschen gingen eine Ehe ein, die Heiratsquote war die höchste aller Zeiten.

Einen größeren Kontrast zum allgegenwärtigen Babyboom als die gerontokratische Staats- und Parteiführung hätte man sich gar nicht vorstellen können. Einer der Leiter der Kommunistischen Partei, Vasil Biľak, war Jahrgang 1917, und der Präsident Gustáv Husák sogar 1913. Die Politbonzen ließen nicht die minimalsten Veränderungen zu.

Das erste Mal habe ich Václav Havel Mitte der Achtzigerjahre auf einem schwarzweißen Foto im Fernsehen gesehen. Der Moderator hat ihn als Landesverräter bezeichnet, der vom Westen mit Videorekorder, Hi-Fi-Systemen und astronomischen Geldsummen verwöhnt wird, um das eigene sozialistische Land im Ausland zu beschimpfen. Das klang sogar für ein Kind total absurd.

Als Václav Havel in der Sternstunde der Tschechoslowakei zum Präsidenten gewählt wurde, fanden es viele richtig, dass er oft nach Bratislava oder Košice reiste, dass er viele kompetente slowakischen Mitarbeiter hatte, und auch Vertreter der Minderheiten, von denen es in der Slowakei so viele gibt: Roma, Ungarn, Ruthenen und so weiter.

Doch sehr schnell hat sich die Situation ganz anders entwickelt, als er es sich vorstellte. Statt Zivilgesellschaften wurden politische Parteien als Aktiengesellschaften gegründet, von der Öffentlichkeit hermetisch abgeschlossen, auf perversen Finanzmodellen basierend, unüberschaubar, korrupt, ohne Substanz, egal ob links, Mitte oder rechts. Die alten Strukturen haben blitzschnell die neuen infiltriert und die ökonomische Macht übernommen.

Havel war auf einmal nicht mehr das Symbol der Wende, sondern auch der drastischen Teuerung, der Entwertung der Währung Krone und der massiven Entlassungen aus den bankrotten staatlichen Betrieben. Er habe den slowakischen Autonomiebemühungen zu wenig Verständnis entgegengebracht, hieß es. Die schlechte Wirtschaftslage verschärfte die Spannungen zwischen Tschechen und Slowaken, von denen immer mehr einen eigenen Staat forderten. Bei einem Bratislavabesuch 1991 wurde Havel mit Eiern attackiert, ein Jahr später kam es fast zur Lynchjustiz.

Eine beliebte slowakische Lüge ist, Václav Havel habe mir der „Konversion“ der Waffenproduktion und mit dem Stopp der Exporte die ganze Rüstungsindustrie und damit auch den wichtigsten Teil der slowakischen Wirtschaft Anfang der Neunzigerjahre kaputtgemacht und damit die bis heute hohe Arbeitslosigkeit verursacht.

Zwar hat die ČSSR wie alle sozialistischen Staaten den Frieden propagiert, doch die tschechoslowakische Rüstungsindustrie war vor 1989 eine Großmacht an siebter Stelle in der Welt. Die Waffen wurden unter anderem in den Iran, den Irak, in die Sowjetunion oder Libyen exportiert. In der Slowakei wurde Mehrheit der Rüstungsindustrie konzentriert, vor allem die Produktion der Panzer und gepanzerte Mannschaftswagen, deren Umstellung extrem teuer ist.

Vor kurzem habe ich ein Interview mit Jozef Uhrík geführt, dem Ex-Generaldirektor der ZS-Maschinenbauwerke in der mittelslowakischen Stadt Martin, der nach der Wende der erste Vorstandsvorsitzende des Volkswagen Slowakei AG wurde, und der deutlich dazu beitrug, dass das kleine mitteleuropäische Land zur Großmacht der Autohersteller wurde (neben VW haben Peugeot-Citroen und Kia riesige Fabriken in der Slowakei).

Ich habe Uhrík nach der Rolle Havels in der Konversion gefragt. „Das ist Unsinn“, sagte er. „Unsere Rüstungsindustrie haben wir selber hier in der Slowakei zerstört und nach und nach gestohlen. Außerdem war sie nur ein Mythos der Vergangenheit, wir waren auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig, unsere Technologien waren veraltet. Das war mir schon in den Achtzigern klar.“

Auch dank Václav Havel war ich ein stolzer Tschechoslowake. Ich fühle mich bis heute um meine Heimat betrogen. Ich bin mit der tschechoslowakischen Identität aufgewachsen – die Geschichte, die Literatur, der Freundeskreis oder die gemeinsame Mannschaft im Nationalsport Eishockey – und auf einmal, seit dem 1. Januar 1993, existierte dieses Land nicht mehr. Stattdessen wurde ich in Bratislava zum Einwohner des neuen Staates, der von unglaubwürdigen Exkommunisten – jetzt auf einmal radikalen Nationalisten – regiert wurde.

Ich bin immer noch überzeugt, dass über eine derart prinzipielle Angelegenheit in einem Referendum entschieden hätte werden müssen. Es fand aber keines statt, weil klar war, dass die Mehrheit der Bevölkerung gegen die Teilung des Landes wäre. Die Politiker bevorzugten eine schnelle Lösung und haben ohne die Bürger das Endurteil unterzeichnet. Und Václav Havel wurde für viele eine Hassfigur der Ära.
Heute betrauern die Slowaken trotz politischer Differenzen den Tod Havels. Viele kritisieren ihn aber immer noch, weil er eine militärische Invasion in Serbien und später im Irak befürwortete.

Havels Offener Brief an Gustáv Husák von 1975 ist einer der besten Texte über die seltsame Zeit der Kindheit meiner „normalisierten“ Generation. Er warnte schon damals, dass in der heutigen Welt „das Allerschlimmste im Menschen aktiviert und entwickelt wird: Selbstsucht, Heuchelei, Gleichgültigkeit, Feigheit, Angst, Resignation, die Sehnsucht, persönlich zu profitieren ohne Rücksicht auf die öffentliche Konsequenzen.“ Daran hat sich bis zu seinem Tod nichts geändert, der Trend ist noch stärker.

Heute kann ich es kaum noch glauben, dass wir einen Präsidenten hatten, der gerne Lou Reed hörte und mit dem New Yorker Rocker sogar befreundet war, dass er Franz Kafka sein Vorbild nannte und sein Credo einfach und doch prinzipiell war: das Leben in der Wahrheit.

Mit Havels Tod endet eine ganze politische Generation, die Moral der Pragmatik vorzug. Vergessen Sie die Post-Dissidenten mit langen Bärten und Bierflaschen in der Hand mit ihrer leicht chaotischen „unpolitischen Politik“, oder ihre Gegner, die oft besoffenen osteuropäischen nationalistischen Populisten der frühen Neunzigerjahre, die von den seit Ewigkeiten unterdrückten slawischen Nationen schwadroniert haben.

Jetzt herrschen in Tschechien und in der Slowakei die Neureichen, die in Business-Anzügen herumlaufen, auf Facebook und Twitter im Zehn-Minuten-Takt die vermeintlichen Hintergründe der Parlamentsdebatte erklären und in Talkshows von Bratislava bis London erzählen, dass die Interessen der Großen in Europa nicht mehr als die Argumente der Kleinen zählen dürfen.

Havel erinnerte sich gerne an einen glücklichen Moment im Sommer 1988 in Bratislava. Von vielen Geheimagenten verfolgt, kam er zum ersten Konzert von Joan Baez, die ihn zu ihrem Gitarrenträger ernannte und so in den Saal schmuggelte. Dann stellte Baez dem überraschten Publikum den Dramatiker Václav Havel vor, das erste Mal stand er schüchtern vor einem slowakischen Menschenmenge.

Der Sicherheitsdienst hat gleich die Mikrofone ausgeschaltet, das Konzert wurde zum Skandal. Keine zwei Jahre später besuchte er meine Stadt als erster demokratisch gewählter Präsident nach vier Jahrzehnten der Diktatur, zu dessen Sturz er heftig beigetragen hat. Auch dafür nochmals vielen Dank!

(Foto 1: Peter Župník, Foto 2: Net:)

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