Eine Räuberjugend

Selma Steiner habe ich als 18-Jähriger in der Ventúrska-Gasse in Bratislava kennengelernt. Ich war damals schon ein begeisterter Leser, doch neue Bücher waren mir als Maturanten zu teuer. In der wiedereröffneten Buchhandlung der Familie Steiner entdeckte ich eine Kollektion von alten und neuen Werken, die mir den Atem raubte.

Ich habe inzwischen sicher mehr als 200 Bücher in dem winzigen Laden gekauft. Frau Steiner hat jeden Besucher persönlich begrüßt und nach Lesewünschen gefragt. Das war und ist leider bis heute nicht besonders üblich in meiner Stadt, wo die meisten Kellner und Verkäufer ziemlich dreist und unfreundlich sind, sicher eine Folge der sozialistischen Arbeitsmoral.

Als ich später eigene Bücher veröffentlichte, habe ich oft mit ihr gesprochen. Sie war immer humorvoll, elegant, sympathisch. Und eine große Leserin. Sie las alles, was sie in die Finger bekam, und sympathisierte vorurteilslos mit den jungen Dichtern. Gerne habe ich mit ihr gestritten, ob Arthur Schnitzler mehr Prosa oder mehr Theatertexte hätte schreiben sollen oder welches Gedicht von Hölderlin das schönste ist. Viele Autoren und Romane oder Erzählbände habe ich dank ihrer entdeckt.

Vor fünf Jahren sind wir sogar gemeinsam auf einer Bühne gesessen, paradoxerweise nicht in Bratislava, sondern in Berlin, bei einer Podiumsdiskussion über die Kulturbeziehungen zwischen Deutschland und der Slowakei. Es war mir eine Freude und große Ehre, denn sie gab nur selten Interviews. Und sie hatte mir nie von Ľudo Ondrejov erzählt.

1847 eröffneten der Talmud-Kenner Sigmund Steiner und seine Frau Josephine die erste Leihbücherei im jüdischen Viertel von Pressburg. Als Selma Steiner 1925 geboren wurde, war der Name Steiner bereits eine Pressburger Institution – die jüdische Intellektuellenfamilie hatte mehrere Rabbis im Stammbaum. Selmas Vater Siegfried war ein bekannter tschechoslowakischer Zionist und Vertreter der Misrachi-Bewegung, die die Einhaltung der Gebote des Judentums sowie die Rückkehr nach Israel unterstützte.

Selma wuchs dreisprachig auf, mit Deutsch, Ungarisch und Slowakisch, sie spielte Klavier, war Mitglied im Makkabi-Sportverein, tanzte Ballett, schwamm im Donau-Freibad und ging auf dem Slavín-Hügel spazieren, wo die Familie eine großes Grundstück mit Villa besaß und wo sich heute ein Friedhof zu Ehren der Sowjetsoldaten samt Kriegerdenkmal befindet.

Selma war erst zwölf, als die Idylle abrupt endete. In der Zwischenkriegszeit lebten in der Slowakei mehr als 136.000 Juden, mehr als vier Prozent der Gesamtbevölkerung. Die neue Slowakische Republik, ein Satellitenstaat Nazi-Deutschlands, unterstützte aktiv die Deportationen von Juden nach Osten. Sie wurden als Ausbeuter, Gottesmörder und Feinde der slowakischen Nationalbewegung gesehen und zudem als Sündenbock für die Verluste von Gebieten im Süden des Landes, die an Ungarn zurückgefallen waren.

Ab September 1941 mussten Juden den Judenstern tragen. Die slowakischen Bestimmungen zählten neben den „Nürnberger Gesetzen“ zu den schärfsten antijüdischen Verordnungen in Europa – sogar Briefe mussten mit dem Judenstern gekennzeichnet werden, was nicht einmal für das Deutsche Reich galt. 1942 wurden mehr als 57.000 Juden aus der Slowakei deportiert. Slowakische Juden waren die ersten, die in Majdanek und Auschwitz ermordet wurden, die meisten sofort nach ihrer Ankunft.

Nach einer Vereinbarung Nazi-Deutschlands mit dem faschistischen slowakischen Regime unter Führung des katholischen Priesters Jozef Tiso wurden für jeden Verschleppten 500 Reichsmark an die Deutschen überwiesen. Über ein offizielles Warenkonto flossen umgerechnet mehr als 17 Millionen Reichsmark an die Reichsbank. Es handelt sich um eine der zynischsten Aktionen im Zweiten Weltkrieg. Die Opfer mussten im Voraus noch für ihren Tod bezahlen.

Selmas Eltern und beide Brüder wurden in Auschwitz und Mauthausen getötet, ihr Onkel Gustav in Dachau, ihre Cousine Relina in Birkenau, eine andere Cousine namens Selma wurde als Widerstandskämpferin in den slowakischen Bergen gefoltert und anschließend erschossen.

Selma Steiner konnte sich durch die Hilfe der Pressburger Deutschen Maria Dund dank eines gefälschten Trauscheins in Sicherheit bringen und tauchte dann in die Illegalität ab. Doch die Gestapo führte ständig Kontrollen auf den Straßen durch und wurde dabei von einheimischen Informanten unterstützt. Nur ein paar Monate vor Kriegsende wurde Selma Steiner verraten und sofort ins südslowakische KZ Sereď, anschließend nach Theresienstadt deportiert. Auschwitz war bereits evakuiert. Selma hat den Krieg trotz einer Typhuserkrankung als Einzige ihrer Familie überlebt. Weniger als 200 Überlebende aus der Slowakei sind bisher bekannt.

Jedes slowakische Kind, das gerne Bücher liest, kennt den Namen Ľudo Ondrejov. Der Dichter, Übersetzer und vor allem Jugendbuchautor wurde 1901 geboren. Er hatte ernsthafte literarische Ambitionen, doch die größten Erfolge feierte er mit romantischen Abenteuerromanen für Jugendliche.

Schon die Titel sind vielsagend: „Gebirgsmärchen“, „Die goldene Höhle“ und vor allem seine zwei besten Romane, „Jerguš Lapin“ und „Eine Räuberjugend“, die die slowakische Natur und die Gebirgszüge der Tatra als unheimlichen Schauplatz für aufregende Geschehnisse darstellen. Es sind gut geschriebene Bücher, in denen es nicht nur um Spannung, sondern auch um Mut, Freundschaft und Verständnis geht und fast alles zu einem guten Ende kommt.

Als junger Leser habe ich die Romane von Ondrejov erst nach der letzten Seite aus der Hand gelegt. Die „Räuberjugend“ ist bis heute Pflichtlektüre in slowakischen Grundschulen.

Ľudo Ondrejov stammte aus einer Handwerker- und Arbeiterfamilie. Weil er sehr gerne Wein und Schnaps trank, hat er in der Zwischenkriegszeit oft seine Beschäftigung gewechselt. Er arbeitete in einer Autowerkstatt, wurde Berufskraftfahrer, später Beamter bei einer Versicherung. 1934 wurde er freier Schriftsteller. Doch erst die Konfiszierung von jüdischem Eigentum, die „Arisierung“ von Betrieben, bedeutete für Ondrejov einen Neuanfang. In der Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung wurde er zum Anhänger der NS-Ideologie.

Ondrejov, Durchschnittsslowake und typischer Mitläufer, hatte schon lange von der Buchhandlung der Familie Steiner geträumt. Der Laden wurde beschlagnahmt und für die „Arisierung“ ein Vermögensverwalter eingesetzt. Der Autor der „Räuberjugend“ wurde selbst zum Räuber. „Ich bin Intellektueller, kein Antisemit“, sagte Ľudo Ondrejov nach der Übernahme zu den Steiners.

Kurze Zeit durften Selmas Vater und seine drei Brüder als Hilfskräfte im Laden arbeiten. Doch als 1942 die Massendeportationen aus der Slowakei begannen, schrieb Ondrejov an die zuständigen Behörden: „Hiermit bestätige ich, dass ich in meiner Buchhandlung folgende Juden nicht brauche: Max Steiner, Jozef Steiner, Sigmund Steiner und Viliam Steiner. Verhaftung und Abtransport dieser Juden würden keinen wirtschaftlichen Verlust für mein Geschäft oder für die Slowakische Republik bedeuten.“

Damit unterzeichnete Ondrejov das Todesurteil für Familie Steiner. Weil er zu Kriegsende kurz in einer illegalen Widerstandsgruppe aktiv war und weil fast die gesamte Familie Steiner tot war, schien es für den Jugendbuchautor, als wäre eigentlich nichts geschehen. Ondrejov machte nach 1945 in der Tschechoslowakei wieder Karriere.

Nach dem kommunistischen Putsch wurde er gedeckt und von der Partei protegiert, sein Lebenslauf schamlos geschönt und gefälscht. Seine zeitlosen Abenteuerromane lasen nun begeisterte Jungpioniere. Doch Ondrejov zerstörte sich weiter mit Alkohol, schrieb nur selten und ohne Erfolg, wurde schwer krank und starb 1962.

Die Slowakei hat sich nie von ihrem katholischen Nationalsozialismus befreit, weder militärisch noch psychologisch. Meiner Heimat ist es dank des Nationalaufstandes im August 1944 gelungen, sich später als Opfer Hitlers zu inszenieren.

Aber mit dem Kriegsende waren die Pogrome in der Slowakei nicht vorbei. Im Sommer 1946 wurde ein jüdisches Krankenhaus überfallen, und im Sommer 1948 gab es heftige antisemitische Übergriffe an mehreren Orten des Landes. Viele in Bratislava verbliebene Juden verließen spätestens Anfang 1950 die Stadt.

1948 wohnte Selma Steiner in Prag, wo sie die Liebe ihres Lebens traf, einen Engländer. Sie wollte zu ihm, hatte sogar eine Ausreisegenehmigung bekommen, doch sie wurde von kommunistischen Agenten als vermeintliche Westspionin verhaftet. Ein halbes Jahr war sie in Haft, dann wurde sie freigesprochen und kehrte zurück nach Bratislava. Selma Steiner lebte nach dem Krieg als junge Frau in derselben Stadt wie Ľudo Ondrejov.

In den Fünfzigerjahren, ohne Familie und Geld, wurde sie bereits wieder als Mitglied der verhassten Oberschicht verfolgt. Sowohl der sowjetische als auch der tschechoslowakische Stalinismus waren antisemitisch und antiintellektuell. Sie wandte sich, tief deprimiert, wieder der Familientradition zu – den Büchern. Eine Rückgabe der Buchhandlung war natürlich unvereinbar mit der Verstaatlichung des Privateigentums. Eine Entschädigung gab es auch nicht.

Frau Steiner arbeitete jahrzehntelang im Staatsbetrieb „Das Buch“, lehrte privat Deutsch und hat aus dieser Sprache auch immer wieder literarisch übersetzt. Ende der Sechzigerjahre war sie bereits eine europaweit anerkannte Kennerin alter Bücher, Büchersammler aus München und Prag haben sie besucht und um Ratschläge gebeten. 1990 hat sie – nicht so geräumig wie vor 100 Jahren und nicht ganz an derselben Stelle, sondern im Nebenhaus – das alte Familiengeschäft in der Ventúrska-Gasse wiedereröffnet.

Anlässlich des 100. Geburtstags von Ľudo Ondrejov 2001 wollte die slowakische Nationalbank auf Vorschlag des Kulturministeriums den berühmten Autor mit einer Gedenkmünze ehren. Selma Steiner konnte nicht mehr schweigen. Öffentlich hat sie gegen die geplante Ehrung protestiert – mit Erfolg. Viele Historiker halfen, die Tatsachen wissenschaftlich zu untersuchen und zu bestätigen, und konnten ihre Aussagen unterstützen. Die Details über die „Arisierung“ der legendären Buchhandlung schockierten die Öffentlichkeit, mich auch. Den Opfern der Nazi-Barbarei und der Wahrheit verpflichtet, brachte Selma Steiner Ondrejovs Legende zu Fall.

Ich habe als Jugendlicher viel Ondrejov gelesen, jetzt kann ich es nicht mehr. Ob ich die Lektüre in ein paar Jahren meinem Sohn empfehlen werde, weiß ich noch nicht, vielleicht schon, damit er den riesigen Unterschied zwischen Schreiben und Handeln, zwischen Literatur und Wirklichkeit besser versteht. Selma Steiner wird meinen Sohn leider nicht mehr sehen können. Sie ist im August 2010 in Bratislava gestorben.

 Die Presse, 31. 12. 2011

4 Gedanken zu “Eine Räuberjugend

  1. Welch traurige Geschichte, und wie schön aufgeschrieben! Ich kannte Selma Steiner auch von meinen Besuchen in ihrem berühmten Buchladen, wusste um ihr Schicksal und das ihrer Familie. Aber ich wusste nichts über Ondrejov, kannte zugegebenermaßen nicht einmal seinen Namen. Dank dieses Beitrages bin ich wieder ein bisschen klüger geworden. Danke, Michale!

  2. Es ist traurig, wie die Geschichten immer wieder vergessen werden. Ich habe über Ondrejovs Arisierung schon einmal als Student von unserer Professorin an dem Gymnasium gehört. Es war ja schon Ende neunziger. Über Selma Steiner habe ich noch nie gehört. Ein interessantes Lesen. Danke!

  3. Ich danke MH für die Hommage an Frau Selma, sie würde ihr sicher gefallen, so wie sie Freude an den literarischen Erfolgen des Autors hätte. Ich habe nur eine kleine Ergänzung zu der Geschichte mit dem Arisator L.Ondrejov, der Frau Selma immer genauso empörte, wie die im Artikel zitierte Bestätigung die ihre Verwandten in den Tod schickte. Nach dem Krieg zeigte sich, dass L. Ondrejov einen Teil der Bücher aus dem Steiner – Antiquariat als Altpapier verkaufte, wahrscheinlich um Geld für Alkohol zu haben. So etwas war für sie ein schreckliches Verbrechen. und noch etwas zur Vergangenheitsbewältigung auf slowakische Art – den Namen von L. Ondrejov trägt immer noch eine Strasse in Bratislava. Michael Petras, Bratislava

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