„Man wurde zum Sklaven von Ratings“

Ein Interview mit Michal Hvorecky über „Tod auf der Donau“.

Wie der Protagonist Ihres Romans haben auch Sie als Tourmanager auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet. Wie kamen Sie zu dem Job und was waren Ihre Erfahrungen?

Ich brauchte Geld um weiter als freier Künstler arbeiten zu können. In der Slowakei gibt es kein einziges Literaturhaus und auch die Lesungen sind nicht bezahlt. Das ist eine Arbeitssituation, die sich ein publizierter österreichischer Schriftsteller, gewöhnt an den subventionierten Literaturbetrieb, kaum noch vorstellen kann. Ein Freund von mir hat mir die Arbeit des Tour Managers emphoflen und mich auf das Donauschif mitgenommen. Es war sehr harte Arbeit, aber auch eine enorm wichtige Lebenserfahrung und Inspiration.

Welche Menschen arbeiten auf solchen Schiffen?

Eine wirklich globale Mischung. Vor allem die Tour Managers haben mich sehr überrascht. Viele Kolleginnen und Kollegen waren sehr gut ausgebildete junge Menschen aus dem östlichen Europa, die in ihren akademischen Jobs in Rumänien oder Bulgarien 200 Euro verdient haben. Stattdessen waren sie lieber mit mir am Bord. Sehr skurril war, dass uns die Firma immer wieder betont hat, unsere Intelligenz nicht zu zeigen. Man wurde zum Roboter ausgebildet und zum Sklaven von Ratings.

Im Buch wird der Luxus, der den Passagieren geboten wird, als Fake entlarvt. Und der Tourmanager erzählt den Leuten irgendeinen Blödsinn. Läuft das wirklich so krass ab?

Ich finde in allgemeinem Luxus als Fake, auch wenn oft ein guter Fake. Ein Brand ist oft vor allem eine starke Geschichte. Und die Donau ist auch eine legendäre Marke, die mit unterschiedlichen Inhalten zum Kauf angeboten wird. Es geht am Bord viel mehr darum, was man erzählt hat, als was wirklich passiert, vor allem bei sehr alten Menschen, die Mitteleuropa gar nicht kennen. Auch ein ganz schlechter Tag konnte man mit guten Geschichten mit dem besten Rating beenden – eigentlich eine literarische Situation.

Das Buch ist aber auch eine Liebeserklärung an die Donau sowie an Claudio Magris’ bedeutenden Essay „Donau. Biographie eines Flusses“. Lässt sich dem überhaupt noch etwas hinzufügen?

Sehr viel sogar. Magris hat sein Meisterwerk schon Anfang Achtziger Jahren geschrieben, damals waren das Europa und auch die Donau tief geteilt. Auch in seinem Buch wird der östliche Teil wesentlich geringer dargestellt als der westliche – aus verständlichen Gründen, er durfte dort nicht so viel reisen und frei rescherschieren. Heute ist die Donau ein ganz anderer, offener Fluss in einem globalisierten Europa. In Wien oder Bratislava vergessen wir oft, dass nur in Rumänien ist die Donau noch über 1000 Kilometer lang. Meiner Meinung nach ist es am schönsten eigentlich im Delta.

Es gibt den Twin-City-Liner zwischen Wien und Bratislava. Aber hat er die beiden Städte näher zusammengebracht?

Bisschen schon – ist auch fast die ganze Zeit ausverkauft, man muss vorzeitig buchen. Ich finde aber sehr schade, dass zwischen beiden Städten fast kein Kulturaustausch stattfindet, und wenn, dann nur einseitig. Man kennt in Wien sehr gut die slowakischen Pflegekräften oder Putzfrauen, aber gar nicht die visuelle Kunst, die Theaterszene oder die Literatur. Auch deswegen freue ich mich, dass der Übersetzer meines Romans ein Wiener Schriftsteller ist.

Sie gelten inzwischen als erfolgreichster Autor der Slowakei, aber der slowakische Buchmarkt ist klein. Wie leben Sie?

Finanziell ist es recht schwierig, aber sonst bin glücklich. Das Geld ist nicht meine Priorität. Das Leben mit Bücher macht Sinn und ich habe immer davon geträumt.

Das Gespräch führte Sebastian Fasthuber für Falter.

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