Die Dieter-Bohlenisierung des Buchmarkts

Die zeitgenössische deutsche Literatur lese ich, seit ich im Jahre 1991 die Bibliothek im Bratislavaer Goethe-Institut entdeckt habe. Die riesige Ansammlung von alten und neuen Werken hat mir den Atem geraubt. Schon auf den ersten Blick war alles anders: die Gestaltung, die Umschläge, die Klappentexte, aber auch die Typographie und der Satz. Ich habe mir in der Bibliothek immer einen Stapel Bücher ausgeliehen und gleich in der Straßenbahn angefangen zu lesen.

Damals war ich fünfzehn. Jetzt bin ich zwanzig Jahre älter und bis heute ein begeisterter Leser. Die deutsche Buchkultur fasziniert mich umso mehr, je besser ich sie kenne, auch wenn man heute, typisch, eher von einem Buchmarkt spricht.

Es hat gedauert, bis ich die Basis des deutschen Kanons durchgelesen hatte: Die Wahlverwandtschaften, Effi Briest, Buddenbrooks, Unterm Rad, Professor Unrat, Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Der Prozess, Die Schlafwandler, Der Vorleser, Die Wand, Die letzten Tage der Menschheit, Die Blechtrommel, Homo Faber, Malina. Aber auch Die Entdeckung der Langsamkeit, Schlafes Bruder, Die letzte Welt, Austerlitz, Das Parfüm, Faserland, Die Vermessung der Welt, Agnes, Der Turm oder Sommerhaus, später – aber es bleibt noch viel mehr zu entdecken.

Mal eine grandiose Parabel von Schuld und Sühne, mal der Untergang der westlichen Welt, die Krise der europäischen Zivilisation, dann fantastische Studien oder postmoderne Ironie, aber immer glaubhaftes, suggestives, mitreißendes Erzählen und komplexes Leseerlebnis. Jeder Roman, jeder Erzählband oder jedes Gedicht verstärkte meine Überzeugung, dass die Literatur die wichtigste Sache auf der Welt ist.

Die Texte spielten zwar in verschiedenen Ländern und Epochen, aber sie ließen sich allesamt als Bruchstücke einer einzigen deutschen Geschichte lesen – und diese konnte mich wahrlich nicht gleichgültig lassen, denn es war auch die Geschichte meines Landes und meiner Stadt und meiner aus verschiedenen Kulturen zusammengesetzten Identität.

Die Bücher haben nicht nur meine Deutschkenntnisse deutlich verbessert, sondern auch meine Vorstellungskraft gestärkt, neue Welten gezeigt, mir unvergessliche Menschen vorgestellt, mein ganzes Leben grundsätzlich verändert – es waren die Geschichten, die ich gelesen habe, um weiter leben zu können. Der einzige Weg für einen Schriftsteller, wie ich diesen Beruf verstehe, hat sich seit der Aufklärung nicht geändert, und zwar – vollkommen rücksichtslos gegen sich selbst zu sein und sich der Geschichte, die man erzählen will, auszusetzen.

In den letzen zwei Jahrzehnten haben sich die deutsche Literatur, die Verlage und der ganze Buchmarkt radikal geändert. Die Literaturlandschaft wird für mich immer unüberschaubarer. Auf der einen Seite freue ich mich, dass der Siegeszug der gedruckten Literatur auch im Zeitalter des Internets und der sozialen Netzwerke kein Ende genommen hat.

Auf der anderen Seite nervt mich die unglaubliche Menge von Neuerscheinungen, die Massenware in sagenhaft großen Auflagen, bei denen es überhaupt nicht um authentische Inhalte geht, sondern nur um Ratgeber, Erbauungs- oder Trivialliteratur, um Marketing, gute PR und viel Werbung, um immer exzessivere Darstellungen sensationeller Inhalte – die Dieter-Bohlenisierung des Buchmarkts.

Die moderne Schemaliteratur erinnert mich sehr an den „sozialistischen Realismus“, den ich als Kind im Propagandaunterricht zur Genüge gelesen habe – heute verbreitet sich wieder die Vermittlung eindeutiger moralischer Ansichten und die Vortäuschung eines scheinbar klaren Weltbildes, nur um die Erwartungshaltung des Lesers sicher zu erfüllen. Mich stört nicht allzu sehr, dass so viel Schrott produziert wird, mich ärgert, dass sich die anspruchsvolle deutsche Literatur in ihrer ganzen Breite immer schwieriger durchsetzen kann und seltener die breitere Leserschaft erreicht.

Zum Beispiel gilt der erste Roman Söhne und Planeten von Clemens Setz aus dem Jahr 2007 schon als sehr alt und ist kaum in den Buchläden zu finden. Nur dank mehrerer bedeutender Literaturpreise werden das Buch und der Autor und seine radikale wie sprachlich kühne Prosa noch ab und zu erwähnt, doch eigentlich ist das Verlangen der Medien nach Neuigkeiten viel zu stark.

Noch viel schlimmer steht es um eines der wichtigsten politischen Sachbücher der letzten Jahre aus meiner Region: Aufmarsch – die rechte Gefahr aus Osteuropa von Gregor Mayer und Bernhard Odehnal. Der Verlag hat dem Buch eine Chance für die üblichen drei Monate gegeben und danach war Schluss. Selbst der Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch konnte kaum helfen. Das Buch aus dem Jahr 2010 ist schon im Jahre 2012 vergriffen, als wäre es von 1981.


Oder Peggy Mädler – ihr Debüt Legende vom Glück des Menschen, glänzende Prosa inspiriert von einem Bildband zum 50. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, wurde zwar von der Literaturkritik hoch gelobt, hat sich aber nicht besonders gut verkauft und wird wahrscheinlich nie als Taschenbuch erscheinen und bald kaum mehr zugänglich sein. Selten habe ich einen Text gelesen, in dem so viel Leben auch aus meiner Kindheit in der ČSSR präsent ist.


In einem Internet-Forum habe ich vor kurzem gelesen: „Mein größtes Problem bei zeitgenössischer Literatur ist, dass es kaum Torrents für deutschsprachige Bücher gibt.“ Könnte kollektives File-Sharing den AutorInnen wie Setz, Mayer und Bernhard Odehnal oder Mädler helfen? Egal ob in Deutschland oder in der Slowakei, das Hauptproblem vieler AutorInnen heutzutage ist, in der Masse der Neuerscheinungen aufzufallen. Man spricht von einer Ökonomie der Aufmerksamkeit und von der Akkumulation von Reputationskapital.

Vor ein paar Monaten habe ich herausgefunden, dass zwei meiner Hörbücher als mp3 und drei Romane im E-Book-Format bereits illegal im Netz zum Herunterladen stehen. Statt wütend meine „Rechte“ zu verteidigen, stellte ich einige meiner Werke kostenlos im Internet zur Verfügung.

Ich wünsche mir, dass das File-Sharing mit den Texten stattfindet. Die meisten Leser haben meine elektronischen Bücher als Lockmittel, nicht als Ersatz für die gedruckten betrachtet. Ich glaube nicht, dass das E-Book meine Arbeit im copyrightversessenen Literaturbetrieb ernsthaft gefährden oder meine gedruckten Bücher vom Buchmarkt komplett verdrängen könnte, und falls es doch so weit kommt, bin ich dann hoffentlich in einer besseren Ausgangsposition.

Ich schreibe in einem Land, in dem es kein einziges Literaturhaus gibt und wo die Lesungen nicht bezahlt werden – eine Arbeitssituation, die sich ein publizierter freier deutscher Schriftsteller, gewöhnt an den subventionierten Literaturbetrieb, kaum noch vorstellen kann. Aber das Schreiben ist nirgendwo auf der Welt leicht, und es gibt sehr viele Orte, wo es viel schwieriger ist als in Bratislava.

Ich bleibe, leider, ein Einzelgänger aus meinem Land auf dem deutschen Buchmarkt. Ich schreibe Gutachten, schicke Links zu slowakischen AutorInnen, Verlagen, übersetze Besprechungen – ohne Erfolg. Man antwortet mir, so eine kleine Literatur kann man in Deutschland nur sehr schwer vermarkten, die Kosten sind zu hoch und der Erfolg ist in der Krisenzeit unsicher.

Das alles hat man mir auch über die Memoiren von Žo Langerová, oder Jo Langer, gesagt. Langer erzählt in ihrem Buch Damals in Bratislava. Mein Leben mit Oskar L. die Lebensgeschichte einer in Budapest 1912 geborenen Jüdin aus einer bürgerlichen Unternehmerfamilie, die einen armen Juden aus Bratislava geheiratet hat.

Oskar Langer, einer der Gründer der Slowakischen Kommunistischen Partei, organisierte den Widerstand gegen den Faschismus und musste mit seiner Frau vor den Nazis fliehen. Nach dem Krieg wollte er unbedingt aus den USA zurückkehren, um in der Tschechoslowakei die linke Utopie zu verwirklichen. 1951 wurde er von Stalinisten verhaftet und in einem Monsterprozess gegen „Landesverräter“ verurteilt. Es folgten zehn Jahre in Lagern, Knästen, Schikane, Folter und kurz nach der Freilassung der Tod.

Es ist eine unvergessliche Geschichte des Untergangs der bürgerlichen mitteleuropäischen Welt, ein Buch über die Entfremdung des Intellektuellen in seiner Epoche. Langer war eine Dichterin der großen Vergeblichkeit, des Scheiterns und des Abschieds.

Kein deutscher Verlag wollte das Buch. Vor kurzem ist es unter dem Titel Convictions. My Life with a Good Communist auf Englisch bei Granta erschienen und wurde begeistert besprochen. Tom Stoppard bezeichnete es inzwischen als „classic“. Um dieses Buch doch noch auf dem deutschen Buchmarkt durchsetzen zu können, muss ich wahrscheinlich bei Dieter Bohlen anrufen.

2 Gedanken zu “Die Dieter-Bohlenisierung des Buchmarkts

  1. Ein kluger und interessanter Abriss über die deutsche Literatur und deren derzeitige Entwicklung aus der eher neutralen Sicht eines slowakischen Autors, der literarisch viel in Deutschland herumkommt…
    Sehr lesenswert!

  2. Diese Unübersichtlichkeit und die Möglichkeit eines jeden Bloggers im Netz sich quasi als Autor zu schreien, deuten auch verstärkt darauf hin, dass sich etwas ändern muss im Buchmarkt und das tut es auch. es gibt dazu ein ganz interessanten Blog, der darüber einige Informationen bereit hält: http://www.veroeffentlichen-heute.de

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