Tod auf der Donau. Rezension

Duna. Dunaj. Dunav. Dunărea. Nein, natürlich ist das keine Substantivdeklination einer osteuropäischen Sprache. Und doch, so ganz verkehrt liegt man mit dieser Vermutung nicht. Unter diesen Namen fließt die Donau, nachdem sie Deutschland und Österreich verlassen hat, Richtung Schwarzes Meer. Zehn Länder verbindet der Strom miteinander.

In der Slowakei, in Kroatien und Serbien, in Bulgarien wie in der Ukraine ist die Donau männlich. Den Rumänen, die sie am längsten bewundern können, und für kurze Zeit auch den Moldawiern, präsentiert sich der Fluss wieder als Dame. Und in Ungarn hat sie zwischendurch sogar ihr Geschlecht verloren. Doch das liegt nur an der ungarischen Grammatik.

Die Donau ist die Königin unter den Flüssen Europas. Mehr als doppelt so lang wie der Rhein, misst sie von ihrem Ursprung bei Donaueschingen bis zur Mündung im rumänischen Sulina 2857 km. Diesem europäischen Mythos auf der Spur ist der slowakische Autor Michal Hvorecky. In seinem Roman „Tod auf der Donau“, einem wunderbaren Lesevergnügen, fließen viele Genres zusammen.

Wie der Titel vermuten lässt – man denke an Agatha Christies „Tod auf dem Nil“ – gibt es Elemente des Kriminalromans. Oder besser gesagt, Hvorecky spielt damit, denn in den Strudeln der Donau ist Aufklärung nur schwer zu finden. Außerdem bietet das Buch grandiose Reisebeschreibungen und erzählt ebenso schöne wie tragische Episoden aus der Geschichte Mittel- und Südosteuropas.

Darüber hinaus hat Hvorecky auch eine witzige Satire auf den Massentourismus verfasst und spart nicht mit bissiger Kulturkritik, wie man das bereits aus seinen früheren Romanen kennt. Und schließlich lesen wir auch einen postmodernen Bildungsroman.

Der Icherzähler, ein junger Slowake, durchläuft auf der achttägigen Donaureise von Regensburg bis ins Donaudelta eine Entwicklung im Schnelldurchfluss. Martin Roy hat sich verkauft, aber man muss das verstehen. Als Übersetzer in Bratislava verdiente er zuletzt kaum noch einen Cent. Da kam das Angebot gerade recht, Reiseleiter auf einem Donaudampfer zu werden.

Die Sache hat nur einen Haken: Die Schifffahrtsgesellschaft ist amerikanisch und zahlt kein Gehalt. Martin lebt vom Trinkgeld der Passagiere. Einem Kunden zu widersprechen, bedeutet also weniger Einkommen – und schlechte Bewertungen. Die können den Traum von einer Karriere schnell wieder platzen lassen.

Die Gäste der „MS America“ sind ebenfalls US-Bürger und allesamt im Rentenalter. Zwei Dinge, so lässt uns der Erzähler wissen, fürchten sie am meisten: Osteuropäer und Bakterien. Mit ihrem immensen Tabletten- und Alkoholkonsum, durch haarsträubende Vorurteile und Macken treiben sie die europäische Besatzung und Martin ganz besonders in den Wahnsinn. Überleben kann man dies nur mit schwarzem Humor.

Zitator: „Wo lebt dieser Mozart?“, fragte ihn nach dem Konzert Ashley Rose. Zwischen ihren Augenbrauen bildete sich eine nachdenkliche Falte. „Er lebt leider nicht mehr. Er ist vor drei Wochen gestorben.“ „Das tut mir leid.“

Ein richtiges Problem aber bekommt Martin erst durch zwei Frauen. Die eine, seine ehemalige Geliebte aus Bratislava, steht plötzlich auf der Gangway und bittet um eine Mitfahrt als blinde Passagierin. Sie ist auf der Flucht, und ein mysteriöser Koffer voll Falschgeld lässt nicht Gutes ahnen.

Und dann geschieht auch noch ein Mord: Venera, eine der rumänischen Putzfrauen an Bord, wird kurz vor Belgrad erstochen aufgefunden. Der Kapitän, der um seinen Job bangt, will keine Polizei und lässt die Leiche in die Donau werfen – es wird nicht die letzte bleiben auf der Reise zum Schwarzen Meer.

Im sagenhaften Donaudelta kommt es schließlich zu einem Schiffsunglück mit schrecklichen Folgen. Im Angesicht des Todes aber erinnert sich der ehemalige Literaturübersetzer an ein Zitat von Gyula Krúdy: „Wenn du das Dröhnen des Flusses hörst“, schrieb der große ungarische Erzähler vor 100 Jahren, „verzichte auf alle Zukunftspläne.“

Mathias Schnitzler, WDR5, 8. 4. 2012 © Westdeutscher Rundfunk Köln 2012, Foto: Josef Koudelka, 1994

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