Schöne Blaue Donau

Was hat Michal Hvorecky nicht alles in seinen Roman „Tod auf der Donau“ gepackt. Wie aus einem unerschöpflichen Quell sprudeln seine Ideen, die dem Verlauf seiner Geschichte immer wieder eine neue Wendung geben.

Die literarischen Genres wechseln fast schon im Seitentakt. Der Leser purzelt nur so hin und her. Gerade war er noch von der satirisch grotesken Szenerie schmunzelnd amüsiert, befindet er sich sogleich in einem Liebesroman, gefolgt von einer Leiche im Unterdeck, die natürlich sofort auf Agatha Christies klassischen Krimi vom „Tod auf dem Nil“ anspielt.

Hat man sich bei der Lektüre auf dieses „Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel“ erst einmal eingelassen so wird der Roman zum Genuss, da der ständige Rollentausch, wenn er nicht für uns alle alltäglich geworden ist, zumindest aber Martin den „Cruise Director“, den Bordmanager der MS America auf Trapp hält.

Der junge Akademiker aus Bratislava muss dieses Abenteuer einer Donaukreuzfahrt unter amerikanischer Flagge notgedrungen eingehen, da die Kunst des Übersetzens von Literatur für ihn brotlos geworden ist. Auf was er sich da aber eingelassen hat, wird uns zu Anfang des Romans humorvoll, zuweilen auch bitterbös serviert.

Da wird das amerikanische Kulturverständnis, das Bild, das die Touristen von Europa haben, bis ins Absurde persifliert, wenn einer der amerikanischen Gäste an Bord frägt, was denn eigentlich dieser Barock sei und er als Antwort erfährt, es handle sich dabei um etwas Böses, eine italienisch-politische Diktatur, noch vor der Gotik, also etwas, das es in Amerika gottseidank nicht gibt.

Für den Zusammenhalt des Romans sorgt das blaue Band der Donau. Die Kreuzfahrt geht von Regensburg bis ans Schwarze Meer auf einem Schiff, das wie ein Panoptikum wirkt. Das Personal ist bunt zusammengewürfelt und die amerikanischen Gäste sind meist jenseits der 60 und haben von der Topografie der Reiseroute nicht den blassesten Schimmer. Aber sie haben eine Vorstellung von dem was sie erwartet, und sie haben viel Geld bezahlt und wollen natürlich deshalb ihre Klischees bestätigt sehen.

Die Crew und Martin, der für die Organisation der Landgänge zuständig ist, tun nichts anderes als diesen Erwartungen zu entsprechen, sie quasi zu zementieren, dass nur ja nichts die Illusion trüben könnte. Die Reisenden sind an der Wahrheit, an der schonungslosen Realität, nicht interessiert. So ist die Reise wohlorganisiert und nichts wird dem Zufall überlassen. Eine nicht geplante Begegnung auf dem Landgang könnte ja die Reisefreude trüben.

Reisen in seiner globalisierten Form gaukelt eine Scheinwelt vor und das Personal des Schiffes spielt den Hofnarren. Je gefälliger die Sklaven des modernen Tourismus an diesem Spiel des schönen Scheins teilnehmen, desto größer fällt das Trinkgeld aus, von dem das gesamte Personal abhängt. Was bleibt der Crew auch anderes übrig als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, droht doch am Ende der Fahrt ein Bewertungsbogen, von dem ihre Zukunft auf dem Schiff abhängt. Wer es am besten versteht stromlinienförmig nicht anzuecken und stets zu kuschen, der wird im Ranking ganz oben auf sein.

Doch je weiter sich die Fahrt dem Donaudelta nähert, mehren sich die schlimmen Vorzeichen. So wohl organisiert die Donaukreuzfahrt eines weltweit agierenden amerikanischen Reiseunternehmens auch erscheinen mag, die Realität hält auf dieser Reise böse Überraschungen parat. Ein Mörder ist an Bord und die Crew entschließt sich, um den Verlauf der Reise nicht zu stören, die beiden Opfer heimlich nachts auf der Donau zu entsorgen.

Martin, der schon genug damit beschäftigt ist seine Jugendliebe Mona, die sich als blinder Passagier an Bord geschlichen hat, im Zaum zu halten, wird nun zum Privatdetektiv und versucht verzweifelt die Normalität an Bord aufrecht zu erhalten. Viel lieber würde er aber seinen Gedanken nachhängen, seiner Liebe zur Donau. Er lässt uns teilhaben an seiner Kindheit in Bratislava an beiden Ufern der Donau, dem Fluss seiner Kindheit, dem großen Strom, der ihm gleichzeitig Heimat und die große weite Welt bedeutete.

Und dann lesen wir plötzlich ein ganz anderes Buch. Hvorecky erzählt uns Geschichten von der Donau, wie wir sie nur selten gehört haben, so zum Beispiel von der gefluteten Donauinsel Ada-kaleh, von der Flucht slowakischer Juden, die auf einem Donauschiff versuchten dem Holocaust zu entkommen und dabei eine Odyssee erlebten und von der letzten Leprastation Europas. So wird das Buch nicht nur zum kulturgeschichtlichen Führer, sondern auch zu einer Liebeserklärung an die Donau, dem großen Strom, der als einziger Wasserlauf Europas den Westen mit dem Osten verbindet.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass Martin als Kind den Fall des „Eisernen Vorhangs“ erlebte. Sein erster größerer Urlaub führte ihn mit seinen Eltern 1989 auf einen mit DDR-Touristen überfüllten ungarischen Campingplatz. Groß war die Verwunderung als sie eines Morgens erwachten und überrascht feststellten, dass sich über Nacht plötzlich die einzigen Camper waren.

Thomas Mahr, Lesart

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