Der Frühstück-Genießer und Gefängnis-Beobachter

Als ich nach drei Tagen in Wels ohne Strom mein Handy angeschaltet habe, da war sie schon – die Nachricht, dass ein Bekannter mir seine Kaffeekanne zur Verfügung stellt. Noch am selben Tag habe ich auch zwei Stühle für meine spartanisch eingerichtete Wohnung bekommen.Und am Ende der ersten Woche das großartige alte, aber in der lieben Produktionsschule präzise sanierte Puch-Fahrrad, das ich am Ende meines Aufenthalts unbedingt kaufen will.

Mit solchen Rädern fahren auch zahlreiche Hipster in Bratislava stolz herum, ohne zu wissen, dass es im oberösterreichischen Steyr hergestellt wurde. Aber genug über diese Stadt, ich bin doch ein Welser, (noch?) nicht ein Steyrer Stadtschreiber!

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Als ich endlich meine E-Mails gelesen hatte, erreichte mich die schönste Nachricht des Frühlings. Ein Vier-Sterne Welser Hotel hat mich zum Genießer-Frühstück eingeladen. Das nenne ich nachfrageorientiertes Angebot. So gestaltet man attraktives Marketing. Eine Kulturnation weiß, wie man einen Literaten satt macht.

Das verdient Lob. Bald wird jeder Geschäftsreisende bei seiner Wels-Reiseplanung fragen: Bitte, in welchem Hotel hat der Stadtschreiber sein Frühstück genossen? Und das Call-Center-Fräulein wird schon die richtige Antwort kennen. Oder ein Musiker aus Wien, der im Kornspeicher ein Konzert spielen soll, stellt an der Hotelrezeption die Frage: Haben Sie schon den Stadtschreiber zum Gourmet-Essen eingeladen? Und wenn die junge Dame an der Rezeption die Wahrheit sagt, nämlich: „Nein, haben wir nicht!“ – dann Schluss mit der Buchung, der Herr wird anderswo übernachten.

Herzlichen Dank an alle, die mein Leben in Wels noch schöner und einfacher machen! Das Frühstück in Begleitung der netten Managerin aus dem Böhmerwald war tatsächlich großartig, nur den Namen des Hotels darf ich nicht nennen, da gibt’s sehr strenge Gesetze über Werbung und Product Placement. Da würde ich gleich im Knast sitzen.

Das Welser Gefängnis habe ich übrigens schon oft gesehen. Nicht die Burg, nicht das Minoritenkloster, nein, einem Osteuropäer zeigt man bei jedem Spaziergang oder jeder Autofahrt die riesigen Mauern mit Stacheldraht, und der Begleiter bemerkt am Rande: Nur dass du weißt, wo und wie es ist…

Ich kenne das Gebäude schon von allen Seiten, nur von innen noch nicht. Das kann ich mir sparen. Trotz der Meinung eines Weimarer Stadtschreibers namens Goethe: In dieser Armut, welche Fülle! In diesem Kerker, welche Seligkeit! Der Welser Stadtschreiber meint stattdessen, das schlimmste Gefängnis ist das geschlossene Herz.

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