Ich habe gedacht, mir kann das nicht passieren

Ich besuchte das „Soziale Wohnservice“ in der Salzburgerstrasse in Wels: Rund um Petra Wimmer arbeitet ein engagiertes Team für Wohnungslose und für Menschen an oder unter der Armutsgrenze. Auch im reichen Wels leben 300 Obdachlose, so viel wie noch nie. Und die Zahl steigt jedes Jahr.

Dank dieser Institution sah ich sie nur selten auf den Straßen. Europa hat die höchste Arbeitslosigkeit seit dem Krieg, die Wirtschaftskrise viele Verlierer. Das Sozialsystem kann den Fall nach ganz unten nicht mehr auffangen. Ich glaube daran, dass sich der Reichtum einer Gesellschaft vor allem im Umgang mit den Schwächsten und den Ärmsten zeigt.

Etwa die Hälfte der Mitarbeiter sind Freiwillige. Viele Bürger schenken Essen, auch mehrere Supermärkte spenden Lebensmittel. Das Mittagessen kostet einen Euro und schmeckt lecker. Vierzig Portionen kocht man pro Tag.

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Beim Essen hatte ich plötzlich das Gefühl, dass ich Slowakisch höre. Heimweh, dachte ich, dann drehte ich den Kopf und sah eine Gruppe meiner Landsleute. Bald saß ich am Tisch mit zehn slowakisch-ungarischen Roma.

Über neunzig Prozent dieser Minderheit sind in der Slowakei arbeitslos, viele auch wohnungslos. Im Osten Europas müssen leider mittlerweile Randgruppen und sozial Benachteiligten mit Sperrzonen in Städten rechnen. Rechtsnationale und linkspopulistische Regierungen setzen Gesetze durch, die das Leben der Armen schwieriger macht und sie weiter ausgrenzt. Politiker nutzen das als Wahlkapital: Statt die Situation zu lösen, verbreiten sie Klischees: Die triviale Sicht führt zu Hass und Gewalt. In Tschechien, Slowakei und Ungarn verübten Rechtsradikale Übergriffe.

Wels gehört allen: Das ist gut so. Die Roma waren überrascht, dass ich mit ihnen ohne Vorurteile redete. Mehrere fahren schon seit zehn Jahren nach Wels und halten sich mit Straßenmusik und Betteln übers Wasser. Ihre Lebenssituation ist höchst prekär. Meistens schlafen sie im Auto, im Sommer außerhalb der Stadt auf Feldern.

Hunderte Kindern hungern regelmäßig und tausende werden nicht angemessen ernährt, nicht in Afrika, sondern im östlichen Teil der EU. Wels, Österreich, Europa, die ganze Welt braucht solche gemeinnützigen Initiativen wie das „Soziale Wohnservice“.

Bei der „Langen Nacht der Kirche“ lasen Welser Obdachlosen ihre Lebensgeschichten, die in der Straßenzeitung „Kupfermuck´n“ erscheinen. Viele Erzählungen beginnen mit so: „Ich habe immer gedacht, mir kann das nicht passieren…“

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