Die Arbeit, die wir selber machen sollen

Martin Pollack in der Slowakei

Es ist für mich eine große Ehre und Freude, die slowakische Stimme von Martin Pollack sein zu dürfen. Sein Buch Der Kaiser von Amerika ist in der Slowakei im kleinen, aber feinen Absynt Verlag erschienen. Die sicherlich nicht einfache Entscheidung des Zsolnay Verlages, die Rechte genau an damals noch völlig unbekannte Verleger zu verkaufen, war klug und richtig: Juraj Koudela und Filip Ostrowski sind erst seit drei Jahren in der Buchbranche tätig, haben sich aber schnell einen sehr guten Namen gemacht und zu Recht viel Resonanz gefunden. Die beiden haben ihre Marke der Reportageliteratur gewidmet. Ein solch enges Profil gilt auf dem kleinen Buchmarkt meiner Heimat als schwer durchsetzbar, schließlich leben in der Slowakei nur fünf Millionen Menschen. Doch Absynt wurde zum Symbol der guten wahren Geschichten und spannenden Sachbücher mit unterschiedlichen AutorInnen im Programm wie Ryszard Kapuściński, Swetlana Alexijewitsch oder Karl-Markus Gauß.

americky cisar martin pollack

Absynt hat eine talentierte junge Buchgestalterin, Pavlína Morháčová, beauftragt, die Edition „Verdammte Reporter“ mit innovativer Typografie und originellem Grafikdesign zu betreuen. So entstanden einheitliche kleine Kunstwerke der Druckkunst, Taschenbücher mit einem visuellen Stellenwert. Schließlich wurde Absynt von den Lesern des Buchjournals Knižná revue zum „Verlag des Jahres 2016“ gewählt – in der Konkurrenz zu Tochterfirmen großer deutscher oder britischer Buchkonzerne.

2016 erschien auch der Kaiser von Amerika, sein Erfolg hat mich selbst überrascht. Zusammen mit Alexijewitsch ist es mit einer Auflage von 3.000 Exemplaren bis jetzt das meistverkaufte Buch des Verlages – nicht schlecht in einem Land, wo man von der modernen Weltliteratur gerade kaum einmal 1.000 Stück verkauft … Eine wahre Genugtuung.

Ein halbes Jahr lang war Martin Pollack in aller Munde. Viele Rezensionen sind erschienen, die letzte wirklich unabhängige Zeitung Denník N hat ein doppelseitiges Interview gebracht, das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat im Wiener Café Sperl ein Gespräch aufgenommen. Gemeinsam waren wir auch in der Morgen-Show von Radio FM, das ist so etwas wie das österreichische FM4. Martin kann sehr gut schreiben – aber ebenso auch erzählen.

martin pollack

Die Slowaken waren erstaunt und recht begeistert, dass sein Buch gerade in Brutovce in der Zips, einer Region im Nordosten der heutigen Slowakischen Republik, beginnt (damals Oberungarn in der k. u. k. Monarchie). Nur in sehr wenigen international bekannten Reportagen spielt die Slowakei eine wichtige Rolle. Der Kaiser ist auch genau in der Zeit der europäischen Flüchtlingskrise erschienen und wurde viel im Diskurs um die internationale Migration zitiert und kommentiert.

„Der Österreicher Martin Pollack macht die Arbeit, die wir eigentlich selber machen sollen. Er schreibt über uns, auch über unsere Region, die nur nicht von Grenzlinien, sondern vor allem von Kulturen und von den geschichtlichen Erfahrungen geprägt ist. Er stellt uns einen Gegenblick dar, ein Gegengewicht zu der romantischen Vorstellung einer Hirtennation mit bukolischen Untertönen. Wie viele von uns haben Verwandte in den Vereinigten Staaten? Ich selbst mehrere von beiden Seiten … Es ist kein Geschichtsbuch, sondern erlebte Geschichte“, schrieb der junge Blogger Samuel Marec, eine wichtige Stimme der heute Dreißigjährigen.

Ähnlich berichtete Matúš Kostolný, der Chefredakteur von Denník N, der für den Kaiser als Buch des Jahres gestimmt hatte: „Seit der Flüchtlingskrise am Ende des 19. Jahrhunderts hat sich nicht viel geändert. Nur damals sind massiv die Slowaken in die USA ausgewandert. Kennzeichnend, dass so ein Buch ein Österreicher für uns schreiben musste …“

Eine spannende Besprechung ist auch auf der Website Islamonline.sk erschienen (in der Slowakei leben nur zirka 2.000 Muslime). „Pollack hat die Vergangenheit nicht verschönt“, heißt es dort, der Autor spricht vielmehr „einen Kontrast zur gegenwärtigen Politik“ an, „die die Hilfe für die Menschen auf der Flucht ablehnt, aber den Beitrag und das Potenzial der emigrierten Slowaken in der Geschichte hochlobt“.

Dreimal haben wir zusammen mit Martin aus dem Buch gelesen, zweimal in Bratislava und einmal beim Literaturfestival in Žilina, im Nordwesten des Landes. Alle Veranstaltungen waren überaus gut besucht und wirklich spannend. Nur im Bratislavaer Sommergarten Medicka gab es eine seltsame Inzidenz. Zu der von der Altstadtbibliothek Bratislava organisierten Lesung waren nämlich ungefähr zwölf Neonazis gekommen. Die Skinheads standen nur wenige Meter von der Bühne entfernt, direkt hinter dem Gartenzaun, offenbar überrascht von der Menschenmenge und noch mehr von den vielen Foto- und Filmkameras. In einem Land, wo Rechtsextremisten gerne private Patrouillen in Zügen mitreisen lassen, um für die „Sicherheit und Ordnung“ zu sorgen – auch gegen den Willen der Bahngesellschaft oder der Polizei –, ist so etwas immer eine sehr unangenehme Erfahrung.

Seit einiger Zeit machen sich die Neofaschisten in der Öffentlichkeit breit und provozieren auch bei unabhängigen Kulturveranstaltungen.

Es waren aber auch ein paar alte ewiggestrige PressburgerInnen zur Lesung gekommen. Eine Seniorin hatte Martin Pollack unmittelbar danach angesprochen: Er sei sehr mutig gewesen, nach Bratislava zu kommen … – Warum, Herrgott?, wollte Martin wissen. – Weil hier im Publikum, antwortete sie, keine wahren Deutschnationalen sitzen wie wir, sondern lauter Slowaken, und sogar viele Antifaschisten und Partisanen gekommen sind …

Gerade übersetze ich das Buch Der Tote im Bunker – eine neue Herausforderung, eine schöne, traurige, tiefgehende Arbeit an einem Meisterwerk. Ich gebe mir Mühe, das Buch so gut wie möglich ins Slowakische zu übertragen. Es wird im Herbst 2017 im Absynt Verlag erscheinen.

 Danke Dir, lieber Martin, für diese Gelegenheit. Ďakujem ti. Zo srdca.

Geschrieben für die österreichische Literaturzeitschrift Die Rampe. Lektorat: Gerhard Zeillinger.

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Als die Slowakei einmal so richtig zur Hölle fuhr

Wilsonstadt als Krimi der Woche in der Welt

„Das allerschlimmste Verbrechen von Wilsonstadt“ liest sich, als sei es frisch aus der Werkstatt des Dr. Caligari entkommen. Ganz nah am Grauen gebaut. Eine slowakische Apokalypse. Eisner rast mit Food an den k.-u.-k.-Palästen vorbei, um die Plätze, über die Friedhöfe. Eine Inquisition findet statt. Es wird gefoltert. Die Engel kommen über die Donau. Der Dom stürzt ein. Es ist ein herrlicher Horror. Mehr lesen.

Wilsonstadt

Grüße aus der Hölle in der Mitte Europas: Das allerschlimmste Verbrechen in Wilsonstadt. Exklusiv als deutsche Originalausgabe, nur als E-Book. Übersetzung: Mirko Kraetsch.

1925 bringt ein anonymer Mörder im jüdischen Viertel von Wilsonstadt, dem alten Bratislava, auf brutale Weise vier Menschen um. Die Polizei ist ratlos. Ausgerechnet der alte, brutale Detektiv Aaron Food aus New York kommt zur Hilfe

Von teuflischen Verschwörern und lebenden Toten gejagt, gerät er immer tiefer in ein Straßenlabyrinth des Grauens, in dem der Satan selbst die Krieger der Finsternis zu befehligen scheint. Unversehens entbrennt ein dramatischer Wettlauf um Leben und Tod, bei dem die Beteiligten nach und nach jegliche Skrupel verlieren.

Michal Hvorecky erzählt eine Gruselgeschichte in der vergessenen europäischen Stadt, indem er gut gelaunt mit den Formen des parahistorischen Gothic Novel spielt. Er schildert, wie sich reale Ereignisse und irrationale Ängste nach dem Zerfall der Habsburger Monarchie zu einer Massenparanoia ungekannten Ausmasses ausweiten. Und zeichnet eine groteske, verlorene Welt, eine Welt, die dem Untergang geweiht ist und in der sich die Gegenwart seltsam spiegelt.

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Author of the Month

You spent three years with Eva Hudecová and Mark Lencho translating ‘Danube in America’. How did that process work and what you have learned from the undertaking?

Well, to put it right, two of them were translating, I was just occasionally commenting and answering their questions.  They did an awesome job. I deeply appreciate their work and passion for it. I love translating, and that’s why I also understand how difficult and demanding the job is. They both have a deep respect for my original text and a deep love of their language of origin, and always managed to find an equivalent. Through this translation, my language was enriched, and my world as well. And I had a chance to meet two wonderful people. They are my underpaid and unsung heroes.

Michal Hvorecky talks to The Missign Slate about working with translators, writing and working in Bratislava.

8 osteuropäische Autoren über die Flüchtlingspolitik

In der SZ skizzieren acht osteuropäische Autoren die Flüchtlingspolitik ihres Landes: der Tscheche Jaroslav Rudiš, die Ungarin Krisztina Tóth, der Slowene Aleš Šteger, der Litauer Eugenijus Ališanka, der Slowake Michal Hvorecky, der Bulgare Georgi Gospodinow, der Serbe Dragan Velikić und der Rumäne Filip Florian. Mit Ausnahme Serbiens beschreiben alle eine Stimmung aus Hass und Furcht gegenüber den Flüchtlingen – und das, obwohl diese Staaten im Schnitt bisher zwischen 0 und 44 Flüchtlinge als asylberechtigt anerkannt haben. Es macht auch keinen Unterschied, ob sie von Linken oder Rechten regiert werden: Außer Serbien ist niemand bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. Dabei hat eigentlich keiner von ihnen wirklich Grund, Angst zu haben, notiert nicht nur Georgi Gospodinow: „Wie gesagt, alles erscheint apokalyptisch, doch da gibt es ein Detail. Denn eigentlich machen die ‚Invasoren‘ einen Bogen um Bulgarien. Traurige Ironie, die wir nicht gern kommentieren. Mein Gott, ist es bei uns so schlimm, dass nicht einmal diese Flüchtlinge ohne Obdach und Lebensunterhalt bei uns bleiben wollen?“