„Man wurde zum Sklaven von Ratings“

Ein Interview mit Michal Hvorecky über „Tod auf der Donau“.

Wie der Protagonist Ihres Romans haben auch Sie als Tourmanager auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet. Wie kamen Sie zu dem Job und was waren Ihre Erfahrungen?

Ich brauchte Geld um weiter als freier Künstler arbeiten zu können. In der Slowakei gibt es kein einziges Literaturhaus und auch die Lesungen sind nicht bezahlt. Das ist eine Arbeitssituation, die sich ein publizierter österreichischer Schriftsteller, gewöhnt an den subventionierten Literaturbetrieb, kaum noch vorstellen kann. Ein Freund von mir hat mir die Arbeit des Tour Managers emphoflen und mich auf das Donauschif mitgenommen. Es war sehr harte Arbeit, aber auch eine enorm wichtige Lebenserfahrung und Inspiration.

Welche Menschen arbeiten auf solchen Schiffen?

Eine wirklich globale Mischung. Vor allem die Tour Managers haben mich sehr überrascht. Viele Kolleginnen und Kollegen waren sehr gut ausgebildete junge Menschen aus dem östlichen Europa, die in ihren akademischen Jobs in Rumänien oder Bulgarien 200 Euro verdient haben. Stattdessen waren sie lieber mit mir am Bord. Sehr skurril war, dass uns die Firma immer wieder betont hat, unsere Intelligenz nicht zu zeigen. Man wurde zum Roboter ausgebildet und zum Sklaven von Ratings.

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Regis: From Birmingham to Bratislava

My interview with Regis about Bratislava, Subclub, Depeche Mode in 1981 and the ultimate techno drink hruškovica. In Electronic Beats.

„On my first visit to Bratislava I stayed in a hotel, which seemed more like a prison cell of the Communist Secret Police. My room actually had no bed in it! Just some strange sort of couch and a view over dark concrete blocks. My memory of the era is actually very vivid. It was acompletely different city from what it is now. Bratislava became very much a Western European capital metropolis. I’m glad that in 1998 I still saw most of the scars of the Communist regime. It was a mournful place. On the other hand, many places reminded me strongly of Birmingham, where I come from.“

Eine Räuberjugend

Selma Steiner habe ich als 18-Jähriger in der Ventúrska-Gasse in Bratislava kennengelernt. Ich war damals schon ein begeisterter Leser, doch neue Bücher waren mir als Maturanten zu teuer. In der wiedereröffneten Buchhandlung der Familie Steiner entdeckte ich eine Kollektion von alten und neuen Werken, die mir den Atem raubte.

Ich habe inzwischen sicher mehr als 200 Bücher in dem winzigen Laden gekauft. Frau Steiner hat jeden Besucher persönlich begrüßt und nach Lesewünschen gefragt. Das war und ist leider bis heute nicht besonders üblich in meiner Stadt, wo die meisten Kellner und Verkäufer ziemlich dreist und unfreundlich sind, sicher eine Folge der sozialistischen Arbeitsmoral.

Als ich später eigene Bücher veröffentlichte, habe ich oft mit ihr gesprochen. Sie war immer humorvoll, elegant, sympathisch. Und eine große Leserin. Sie las alles, was sie in die Finger bekam, und sympathisierte vorurteilslos mit den jungen Dichtern. Gerne habe ich mit ihr gestritten, ob Arthur Schnitzler mehr Prosa oder mehr Theatertexte hätte schreiben sollen oder welches Gedicht von Hölderlin das schönste ist. Viele Autoren und Romane oder Erzählbände habe ich dank ihrer entdeckt.

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Die slowakischen Lügen über Václav Havel

Václav Havel hatte es nie einfach in der Slowakei. Im tschechischen Teil der Republik war er eine Art Statussymbol der Opposition, doch in der Slowakei blieb er lange fast unbekannt. Auch vor dem strengen Verbot wurden seine kritischen Theaterstücke auf unseren Bühnen kaum inszeniert. Seine wichtigen politischen Essays aus den Siebzigerjahren, die nur noch im Samizdat veröffentlicht werden durften, gab es nur in einzelnen Exemplaren im Osten des Landes, und die slowakischen Geheimagenten kannten sie viel besser als die Intellektuellen.

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Was man vom Goethe Institut lernen kann

Mein erster Kontakt mit dem Goethe Institut war, als ich mich im Jahre 1991 zu einem Sprachkurs anmeldete. Ich habe auch eine Bibliothek entdeckt, die mir dem Atem raubte. Gute Bücher konnte man sich bisher an der Amerikanischen Botschaft besorgen, aber der Krieg und Bush Junior hat alles gestoppt, jedoch das „Goethe“ blieb offen, und wuchs und erweitete sich.

Im Juli 2011 hat das Goethe-Institut, eine der größten Kulturinstitutionen der Welt, 60 Jahre seiner Gründung gefeiert. Die feierliche Veranstaltung in Berlin war kein volkstümliche Event. Im musikalischen Programm hat das kultige Ensemble Modern mit einem avantgardistischen Programm koreanische und ungarische Neue Musik vorgestellt. Bei den Ansprachen erklangen nicht nur lobende Tiraden. Der tunesische Regisseur und Anführer der Jasmin-Revolution in Ostafika Fadhel Jaibi betonte, dass die Änderungen in Nordafrika nur mit der Hilfe Europas vollendet werden können. Er fordete zu einem intensiveren Kulturaustauch auf.

(1970s, Lomé, Togo: Foto © Michael Friedel)

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Pressburgerisches Vaterunser

Die Altsstadt von Bratislava ist eiskalt, grau und menschenleer an diesem Sonntag im Februar. Ich komme zu Fuß zur Heiligen Messe um 7:45 Uhr. Als Teenager ging ich den Weg oft um diese Zeit – um die Ecke ist der Subclub, Standort der osteuropäischen Technoszene.

Schon in der Judengasse sehe ich den hohen Turm des gotischen St.-Martins-Doms. Auf der Spitze, dem vergoldeten Kissen, thront eine 300 Kilogramm schwere Replik der ungarischen Königskrone. Zwischen 1563 und 1830 diente der Dom als Krönungskirche. Auch Maria Theresia wurde hier als erste Habsburgerin gekrönt – übrigens nicht zur Königin, sondern zum König.

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