Schreibt und lest, so viel ihr könnt

Der slowakische Autor Michal Hvorecky brachte den Grundgedanken von Deutsch geht gut vor der Klasse 10 a der Realschule im Aurain auf den Punkt: „Wenn ihr in der Sprache des Landes, in dem ihr lebt, schreiben könnt, euch ausdrücken könnt, dann könnt ihr mitreden und sagen, was ihr wollt. Schreibt, so viel ihr könnt. Schreiben ist lebensnotwendig.“

Hvorecky ist einer von fünf Autoren nichtdeutscher Herkunft, die das Bietigheim-Bissinger Literaturprojekt derzeit in die Schulen bringen. Lesen Sie mehr.

michal hvorecky

Foto: Martin Kalb

Was man vom Goethe Institut lernen kann

Mein erster Kontakt mit dem Goethe Institut war, als ich mich im Jahre 1991 zu einem Sprachkurs anmeldete. Ich habe auch eine Bibliothek entdeckt, die mir dem Atem raubte. Gute Bücher konnte man sich bisher an der Amerikanischen Botschaft besorgen, aber der Krieg und Bush Junior hat alles gestoppt, jedoch das „Goethe“ blieb offen, und wuchs und erweitete sich.

Im Juli 2011 hat das Goethe-Institut, eine der größten Kulturinstitutionen der Welt, 60 Jahre seiner Gründung gefeiert. Die feierliche Veranstaltung in Berlin war kein volkstümliche Event. Im musikalischen Programm hat das kultige Ensemble Modern mit einem avantgardistischen Programm koreanische und ungarische Neue Musik vorgestellt. Bei den Ansprachen erklangen nicht nur lobende Tiraden. Der tunesische Regisseur und Anführer der Jasmin-Revolution in Ostafika Fadhel Jaibi betonte, dass die Änderungen in Nordafrika nur mit der Hilfe Europas vollendet werden können. Er fordete zu einem intensiveren Kulturaustauch auf.

(1970s, Lomé, Togo: Foto © Michael Friedel)

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Tropen/Klett-Cotta auf Platz 7 unter den renomiertesten Verlagen

Die Zeitschrift Cicero hat eine Umfrage gestartet und fragte: Welche Buchverlage genießen heute das größte Renommee? Zahlreiche Literaturkritiker, Radio-, Fernseh- und Printredakteure, Literaturhausdirektoren, Festivalleiter, Buchhändler, Übersetzer und Literaturagenten machten bei der Umfrage mit – Nina Hugendubel bis zum Geschäftsführer der kleinen Frankfurter Buchhandlung Ypsilon, von Kritikern großer Zeitungen bis zum bekannten Amazon-Rezensenten. Platz 7: Tropen / Klett-Cotta! (letztes Jahr Platz 18)

„Der Wechsel der Tropen-Verleger an die Spitze von Klett-Cotta hat zum Glück nicht das Ende ihres Hauses bedeutet. Das ausgezeichnete Programm führen sie als Imprint weiter. Auch die Sachbücher aus Stuttgart finden Anerkennung.“
Weitere Informationen unter www.cicero.de

German Trendsetters at Klett-Cotta on the Benefits of Being Big

Alle Bücher aus Tropen/Klett-Cotta Literatur, Belletristik, Krimi

Wo Staunen extra kostet

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Rezension von Kolja Mensing.

Der perfekte Ort zum Geldverbrennen: Der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecky lässt in seinem neuen Buch Eskorta die wilden Jahre des entfesselten Nachwende-Kapitalismus in Osteuropa in Form eines frivolen Schelmenstücks wiederauferstehen.

Michal war in den achtziger Jahren mit seinen Eltern aus der Tschechoslowakei nach Deutschland ausgereist. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems kehrt er zurück nach Bratislava. Auf den ersten Blick ist es die Hölle. Am Bahnhof empfängt ihn „eine Horde aufdringlicher Geldwechsler“, die Demonstranten im Stadtzentrum schwenken die Plastiktüten einer neuen Supermarktkette.

Doch es dauert nicht lange, bis Michal von den neuen Zeiten profitiert. Kurz nach seinem 23. Geburtstag entdeckt er eine Anzeige. Jungen Männern mit „sympathischem Äußeren“ wird eine „gut bezahlte, zeitlich flexible Tätigkeit“ in Aussicht gestellt. Michal bewirbt sich, und kurz darauf arbeitet er für den ersten Escort-Service der Stadt: „Die Welt war in Veränderung begriffen, und ich wollte dabei sein.“

Der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecky erzählt in seinem Roman „Eskorta“ die wundersame Erfolgsgeschichte eines postsozialistischen Callboys. Während Geschäftsleute aus aller Welt nach „Bratislava-Gratislava“ kommen, um Investitionsverträge zu unterzeichnen und Kapital zu verbrennen, steht Michal ihren gelangweilten Ehefrauen mit erotischen Dienstleistungen zur Verfügung.

Sonderwünsche sind im Preis inbegriffen. Seine „starke Seite“ ist die Kommunikation, doch zu seinen Stammkundinnen gehört auch eine Amerikanerin, die nach dem Sex vornehmlich in Mineralwasser aus der Hohen Tatra badet – und von Michal verlangt, dass er ihr dabei in einer traditionellen Tracht Gesellschaft leistet: „Ich musste vor ihren Augen wahnsinnig über Wassertoiletten und elektrischen Strom staunen.“

Hvorecky ist Jahrgang 1976, und wie viele jüngere Autoren aus Mittel- und Osteuropa neigt er dazu, seine literarischen Texte mit Theorie-Importen aus dem Westen anzureichern. So wird der Folklore-Fetisch der Amerikanerin unter der Überschrift „Postkolonialismus“ verhandelt, und der aus Deutschland zurückgekehrte Erzähler selbst hadert nicht nur mit seiner nationalen und kulturellen Identität, sondern als Kind eines schwul-lesbischen Ehepaares auch noch mit seiner Geschlechterrolle.

Ein „cultural studies“-Reader ist allerdings noch lange kein Roman: Hvoreckys Debüt City: Der unwahrscheinlichste aller Orte (deutsch 2006), in dem es um die körperliche Liebe und Pornographie im Zeitalter des Internet ging, war unter dieser Art von Ballast bereits nach wenigen Seiten zusammengebrochen.

„Eskorta“ ist glücklicherweise robuster gebaut. Die theoretische Frage, ob Michal mit seinem neuen Job in erster Linie „die Frau in ihm“ töten will, kann man einfach ignorieren und sich stattdessen daran erfreuen, wie er sich ganz praktisch durch die Welt des globalen Finanzkapitals vögelt.

Die fiktive Lebensbeichte des charmanten Callboys und professionellen Frauenverstehers liest sich über weite Strecken wie das gutgelaunte Remake eines Michel-Houellebecq-Romans: Boomtown Bratislava verwandelt sich in den späten Neunzigerjahren in die „Metropole des mitteleuropäischen Sextourismus“, und mit jedem diskreten Zahlungseingang auf dem Konto des Begleitservices tritt die verdeckte Triebstruktur des entfesselten Kapitalismus deutlicher zutage. „Ihrer Phantasie“, verspricht die Website der Agentur, „sind keine Grenzen gesetzt.“

„Eskorta“ lässt die Jahre der „totalen Ökonomie“ in Form eines frivolen Schelmenstücks wiederauferstehen und ist darum genau die richtige, besinnliche Lektüre für unsere krisengeschüttelten Zeiten. Lange hält Michals hormonelle Hausse allerdings nicht an. Nach einem kurzen Höhenflug fallen seine Aktien ins Bodenlose, bis er schließlich nur noch gebucht wird, um einen Langhaar-Chihuahua zum Hundefriseur zu begleiten. Zuletzt wird er ganz aus dem Angebot der Agentur gestrichen. Doch er hat Glück.

Michal Hvorecky verordnet seinem Erzähler nach dem Crash ein emotionales Konjunkturprogramm. Der Callboy darf sich verlieben, und damit ist das kapitalistische Märchen schon fast perfekt.

Michal Hvorecky: Eskorta. Roman. Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch. Tropen Verlag, Stuttgart 2009. 252 S., geb., 19,90 Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z.GmbH, Frankfurt am Main.

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Harmloser orientalischer Bandit

Es wundert mich immer noch, wie einige Leute in Deutschland und Österreich reagieren, wenn ich Ihnen sage, dass ich aus der Slowakei komme.

Vor ein Paar Monaten habe ich mein erstes Bankkonto in einer kleinen Bank im Westmünsterland eröffnet. Mein allererster deutscher Sachbearbeiter hieß Herr Funke. Er begrüßte mich vor einem sehr glücklichen Familienplakat und ich drückte seine kalte Hand. Er nahm mich mit in sein Büro und setzte sich an seinen Computer, der überraschend altmodisch aussah.

„Ich bitte Sie um ihren Personalausweis. Aber erst noch, für unsere interne Statistik: In welchem Bundesland wohnen sie?“

„Wissen Sie, ich komme nicht aus Deutschland.“

„Aha! Und woher?“

„Aus Bratislava. Aus der Slowakei,“ sagte ich.

Herr Funke drehte sich blitzschnell von seinem blauen Monitor zu mir um, mit einem völlig anderen, irgendwie total sanften Gesichtsausdruck. Auf den Lippen hatte er ein sonderbares süßes Lächeln, als wäre er auf einmal der Moderator einer karitativen Weihnachtssendung.

Ein Pressburger Deutscher, dachte ich gleich, der mir jetzt eine epische Saga über Vertreibung, verlorene Heimat und historische Ungerechtigkeit erzählen wird, bis ich ihm sage, dass mein Großvater Stefan Kirchmayer hieß und zur Minderheit der Zipser Deutschen in der Nordostslowakei gehörte (eine fast vergessene Volksgruppe) – also waren wir sozusagen Landsmänner! Doch Funke reagierte ganz anders.

„Wirklich? Aus Bastislova? Sind Sie nicht hungrig?“, fragte er mit softer Stimme, die mich sehr an die spontanen gerührten Aussagen von Adoptivmüttern wie Madonna oder Angelina Jolie auf afrikanischen Flughäfen bei der Übergabe der Kinder erinnerte.

Ich besitze schon seit siebzehn Jahren ein Bankkonto, aber so eine Frage hat mir noch kein Bankbeamter gestellt, und eigentlich habe ich schon eine Menge tschechischer und slowakischer Geldinstitute ausprobiert, die besondere Leistungen und individuelle Hilfe versprachen.

Ich fühlte mich, als wäre ich gerade aus dem Zentrum der Genozide in Darfur gekommen. Herr Funke war mich gleich super sympathisch.

Endlich verstehe ich, warum die deutschen Banken so einen wunderbaren Ruf im Ausland haben. Kein Wunder: Es wird jedem Kunden gleich ein warmes Essen angeboten!

Einen kurzen Augenblick überlegte ich zu sagen: „Ja, eigentlich habe ich wirklich Hunger!“ Was wäre dann passiert? Hätte mir der liebe Herr Funke etwas Urdeutsches wie schwäbische Spätzle oder Frankfurter Würstchen auf seiner Elektroplatte im Hinterzimmer des Büros gemacht?

„Nein, danke, ich habe gerade gegessen,“ log ich. Beim Gedanken an ein großes Sparkassenmittagessen bekam ich gleich richtiges Magenknurren.

„Übrigens, einer der Chefs einer deutschen Bank hat gestern für mich gekocht, das war sehr lecker“, könnte ich dann ganz locker meinen Freunden in Bratislava und Prag eine Email schreiben.

Irgendwie war ich aber eher in der Stimmung, das falsche Kusturica-mäßige Old-school-Image meines Landes zu korrigieren, das in Wirklichkeit das zweitschnellste Wirtschaftswachstum in Europa aufweist. Auch so ein Symbol des deutschen Konsumverhaltens wie der Volkswagen Tuareg wird doch in Bratislava produziert!

„Wissen Sie, die Slowakei ist nicht mehr so unbekannt und exotisch wie früher. Sie haben sicher schon etwas von der Hohen Tatra gehört, eins unserer Gebirge, wo sehr viele Deutsche im Sommer zum Wandern hinfahren. Oder Košice, zu Deutsch Kaschau, eine ehemalige deutsch-ungarische Stadt, wo der Schriftsteller Sándor Márai geboren wurde. Vielleicht ist Ihnen der berühmte Kurort Piešťany bekannt, wo jeder russische Oligarch mindestens einmal jährlich ins heiße Sprudelwasser eintauchen muss?“

„Das klingt alles so schön und so interessant, das muss ich zugeben. Aber ich war leider noch nie so weit östlich von Russland,“ antwortete Herr Funke und fügte hinzu, dass von mir er auf keinen Fall irgendwelche Gebühren für die Kontoeinrichtung verlangen würde.

„Oh, haben Sie vielen Dank! Das war doch nicht nötig!“, erwiderte ich.

„Sie werden dann von unserer Bank einen Brief mit Ihrer Geheimzahl bekommen. Dieser Brief wird maschinell erstellt und ist deswegen nicht unterschrieben. Trotzdem ist er gültig“, erklärte Herr Funke weiter.

„Ja, in Ordnung, das kenne ich von Zuhause auch.“

„Nein, das kennen Sie nicht. Dieser Brief wird wirklich maschinell erstellt und ist deswegen wirklich nicht unterschrieben. Das machen bei uns Computer“, sagte Herr Funke mit Nachdruck.

Darauf hatte ich keine Antwort. Wahrscheinlich liest Herr Funke in seiner Freizeit, wenn er müde ist nach al dem Bürospätzle Kochen, sehr viele klassische Horrorromane wie „Dracula“, und dann packt ihn die uralte mythische Angst vor den gefährlichen Osteuropäern, die sogar behaupten Computerkenntnisse zu haben.

In „Dracula“ kann man übrigens die international bekannteste literarische Beschreibung der Slowaken finden – die Nation, die Bram Stoker in Transsylvanien zu finden vermutete. Sehr poetisch schreibt er über eine „harmlose und wenig kämpferische orientalische Truppe von Banditen“. (The strangest figures we saw were the Slovaks, who were more barbarian than the rest…“)

Diese Nachricht hat Bram Stoker ganz sicher nicht maschinell erstellt und er hat sie auch unterschrieben. Trotzdem ist sie seitdem gültig.

nosferatu

Die Geschichte erschien in der Zeitung für Literatur Volltext.