Eine Räuberjugend

Selma Steiner habe ich als 18-Jähriger in der Ventúrska-Gasse in Bratislava kennengelernt. Ich war damals schon ein begeisterter Leser, doch neue Bücher waren mir als Maturanten zu teuer. In der wiedereröffneten Buchhandlung der Familie Steiner entdeckte ich eine Kollektion von alten und neuen Werken, die mir den Atem raubte.

Ich habe inzwischen sicher mehr als 200 Bücher in dem winzigen Laden gekauft. Frau Steiner hat jeden Besucher persönlich begrüßt und nach Lesewünschen gefragt. Das war und ist leider bis heute nicht besonders üblich in meiner Stadt, wo die meisten Kellner und Verkäufer ziemlich dreist und unfreundlich sind, sicher eine Folge der sozialistischen Arbeitsmoral.

Als ich später eigene Bücher veröffentlichte, habe ich oft mit ihr gesprochen. Sie war immer humorvoll, elegant, sympathisch. Und eine große Leserin. Sie las alles, was sie in die Finger bekam, und sympathisierte vorurteilslos mit den jungen Dichtern. Gerne habe ich mit ihr gestritten, ob Arthur Schnitzler mehr Prosa oder mehr Theatertexte hätte schreiben sollen oder welches Gedicht von Hölderlin das schönste ist. Viele Autoren und Romane oder Erzählbände habe ich dank ihrer entdeckt.

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