Eine Räuberjugend

Selma Steiner habe ich als 18-Jähriger in der Ventúrska-Gasse in Bratislava kennengelernt. Ich war damals schon ein begeisterter Leser, doch neue Bücher waren mir als Maturanten zu teuer. In der wiedereröffneten Buchhandlung der Familie Steiner entdeckte ich eine Kollektion von alten und neuen Werken, die mir den Atem raubte.

Ich habe inzwischen sicher mehr als 200 Bücher in dem winzigen Laden gekauft. Frau Steiner hat jeden Besucher persönlich begrüßt und nach Lesewünschen gefragt. Das war und ist leider bis heute nicht besonders üblich in meiner Stadt, wo die meisten Kellner und Verkäufer ziemlich dreist und unfreundlich sind, sicher eine Folge der sozialistischen Arbeitsmoral.

Als ich später eigene Bücher veröffentlichte, habe ich oft mit ihr gesprochen. Sie war immer humorvoll, elegant, sympathisch. Und eine große Leserin. Sie las alles, was sie in die Finger bekam, und sympathisierte vorurteilslos mit den jungen Dichtern. Gerne habe ich mit ihr gestritten, ob Arthur Schnitzler mehr Prosa oder mehr Theatertexte hätte schreiben sollen oder welches Gedicht von Hölderlin das schönste ist. Viele Autoren und Romane oder Erzählbände habe ich dank ihrer entdeckt.

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Pressburgerisches Vaterunser

Die Altsstadt von Bratislava ist eiskalt, grau und menschenleer an diesem Sonntag im Februar. Ich komme zu Fuß zur Heiligen Messe um 7:45 Uhr. Als Teenager ging ich den Weg oft um diese Zeit – um die Ecke ist der Subclub, Standort der osteuropäischen Technoszene.

Schon in der Judengasse sehe ich den hohen Turm des gotischen St.-Martins-Doms. Auf der Spitze, dem vergoldeten Kissen, thront eine 300 Kilogramm schwere Replik der ungarischen Königskrone. Zwischen 1563 und 1830 diente der Dom als Krönungskirche. Auch Maria Theresia wurde hier als erste Habsburgerin gekrönt – übrigens nicht zur Königin, sondern zum König.

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Wir Kinder unterm Fernsehturm

Den Ort, an dem ich diese Zeilen schreibe, wird es in zwei Jahren offensichtlich nicht mehr geben. Ich sitze in meinem Minibüro in der Bratislavaer Továrenská ulica, der Fabrikgasse, im ehemaligen Forschungsinstitut für Kabel und Isolatoren. Diese elektrischen Drähte müssen zu Zeiten des Kommunismus echt gut erforscht gewesen sein!

Es sieht hier aus wie in einem Laboratorium des sowjetischen Konstruktivismus oder in dem Proberaum, in dem Kraftwerk ihr Album „Die Mensch-Maschine“ aufgenommen haben. Das kafkaeske Gebäude ist gähnend leer, der Projektentwickler hat es nur gekauft, um es abzureißen.

Die Wirtschaftskrise stoppte die Pläne, so zogen junge Künstler in das Objekt. Billigere Mieten lassen sich in Bratislava nicht finden – die Immobilienpreise übersteigen oft die in Wien. Beginnende Kreative in der Slowakei leben traditionell von der Hand in den Mund, und der Staat interessiert sich nicht die Bohne für sie. Von wegen Verzärtelung durch Stipendien und Kreativaufenthalte! Stattdessen die harte marktwirtschaftliche Realität des Turbokapitalismus.

Die Medien verkündeten jüngst eine Überraschung: Die Gewinnerin des internationalen Wettbewerbs zur Bebauung der Umgebung ist Zaha Hadid.

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Faust & Syphilis in Pressburg

In seinem letzten grossen Roman Doktor Faustus, in der Biografie des fiktiven Komponisten Adrian Leverkühn, beschreibt Thomas Mann auch die Stadt Pressburg, heute Bratislava. Und obwohl dem Besuch nur ein Kapitel des Werkes gewidmet ist, gehört es zum Kern der Geschichte. Die Teufelsverschreibung des deutschen Tonsetzers um des künstlerischen Erfolges willen ist Manns Fassung des Faust-Mythos.

Im 19. Kapitel des Romans kommt der Komponist Leverkühn im Mai 1906 nach Pressburg. Er sucht seine Esmeralda und findet sie im Viertel Weidritz. Sie ist geschlechtskrank und warnt ihn; aber für ihn sind Liebe und Gift nun eins, er verlangt nach „dämonischer Empfängnis“. Den Namen Hetaera Esmeralda aus den Naturstudien seines Vaters verwebt er in der Folge in viele Kompositionen als Klangchiffre h e a e s.

In den folgenden Liebesakt „schein (es), daß sie alle Süßigkeit ihres Weibtums aufbot, um ihn zu entschädigen für das, was er für sie wagte.“ Das alte Stadtviertel Wiedritz war einst Mittelpunkt der Prostitution. Fünf Wochen später, nach der Rückkehr nach Leipzig, macht sich bei Adrian Syphilis bemerkbar. So viel zum Beitrag meiner Stadt zur Weltliteratur :)

„Er reiste allein, und es ist nicht mit Sicherheit zu bezeugen, ob er sein angebliches Vorhaben ausführte und von Graz nach Pressburg, möglicherweise auch von Pressburg nach Graz fuhr, oder ob er den Aufenthalt in Graz nur vorspiegelte und sich auf den Besuch von Pressburg, ungarisch Pozsony genannt, beschränkte. In ein dortiges Haus war nähmlich diejenige, deren Berührung er trug, verschlagen worden, da sie ihren vorigen Gewerbsplatz um einer Hospital-Behandlung willen hatte verlassen müssen; un an ihrer neuen Stätte machte der Getriebene sie ausfindig…

Kein Zweifel, sie erinnerte sich des flüchtigen Besuchers von damals. Ihre Annäherung, dies Streicheln seiner Wange mit dem nackten Arm, mochte der niedrig-zärtliche Azsdruck ihrer Empfänglichkeit gewesen sein für alles, was ihn von der üblichen Klientele unterschied.“

Kafkas Schloss in der Hohen Tatra?
Haydns Rückkehr nach Pressburg

Der Durchzug durchs Rote Meer

Solamente naturali und Wiener Kammerchor ehren am Donnerstag 26. November 2009 den legendären Pressburger Johann Nepomuk Hummel beim Bratislava Musikfestival.

Eine Sensation war vor zwei Jahren die Entdeckung des Oratoriums Der Durchzug durchs Rote Meer. Freunde von guter Chormusik werden begeistert sein.

Hummel, Pianist und Komponist, wurde am 14. November 1778 in Pressburg geboren und starb am 17. Oktober 1837 in Weimar. Er war Schüler Mozarts und ein Freund Beethovens.

Das Bild: J. N. Hummel nach Möller, um 1814, Original: Goethemuseum Düsseldorf

Haydns Rückkehr nach Pressburg
Wallenstein als Oper

Grenzübergang Berg

Kein anderer Grenzübergang in Niederösterreich verzeichnete in den letzten zwanzig Jahren so viele Ein- und Ausreisen wie der Grenzübergang Berg. Die Erweiterung des Schengen-Raums am 21. Dezember 2007 bedeutete aber den Wegfall der Grenzkontrollen nach Osteuropa.

Eine große Mehrheit der Slowaken unterstützte den Beitritt des Landes zur Schengen-Zone. In Österreich wurden aber zugleich Bedenken hinsichtlich einer möglichen Invasion von Kriminellen und Prostituierten geäußert.

Dank der Autobahn Wien-Bratislava hat sich die Fahrtzeit zwischen den Städten deutlich verkürzt. Trotzdem habe ich den verlassenen Ort auf der Pressburger Strasse B9 wieder besucht.

Ich interessiere mich seit Jahren für Orte wie Industrieruinen, leerstehende Fabrikgebiete oder aufgebene Flugülätze. Der Grenzübergang Berg wurde vor zwei Jahren geräumt, alle Häuser stehen aber noch. Und ein leeres Kaffeehaus hat immer noch offen…

berg

Ende einer Kindheit. Sommer 1989