Eskorta: Stimmen zum Buch

„Eskorta lässt die Jahre der “totalen Ökonomie” in Form eines frivolen Schelmenstücks wiederauferstehen und ist darum genau die richtige, besinnliche Lektüre für unsere krisengeschüttelten Zeiten… Michal Hvorecky verordnet seinem Erzähler nach dem Crash ein emotionales Konjunkturprogramm. Der Callboy darf sich verlieben, und damit ist das kapitalistische Märchen schon fast perfekt.“
Kolja Mensing, FAZ

„Ein ungemein schnelles, thematisch vielschichtiges und teilweise auch absurd-groteskes Buch über den (zumindest von Wien aus gesehen) ganz nahen Osten legt Michal Hvorecky mit seinem neuen Roman Eskorta vor.“
Klaus Kastberger, Die Presse

“Der slowakische Autor Michal Hvorecky entspinnt ein Erotikon des Ostjungen als Warenfetisch gelangweilter Managergattinnen aus dem Westen… Eine lesenswert heiße und bunte Groteske über die Begleiterscheinungen des Turbokapitalismus.”
Katrin Schumacher, Deutschlandradio Kultur 

„…Punkt, an dem das Buch seinen wirklichen Reiz offenbart – ins Phantastische, Überdrehte, diesen Bereich in dem plötzlich alles möglich ist. Und dessen Wendungen wir hier, zwecks Spannung, nicht vorwegnehmen wollen. Ein Roman, der auf leichtem Boden ein doppeltes Spiel spielt, flach aber bodenlos. Auch das ließe sich als politischer Kommentar lesen.”
Sascha Kösch, De:Bug 

„So unterschiedlich die Figuren, Schauplätze und auch die Sprache Michal Hvoreckys und Petra Hulovás sind, in einem gleichen sie sich doch: Beide machen einen eleganten Bogen um die unmittelbare Vergangenheit und Jetztzeit. Die aktuellen Verhältnisse in Tschechien und der Slowakei – immerhin erst seit mickrigen 16 Jahren eigenständige Staaten – werden nur am Rande gestreift…

Mancher Autor aus Westeuropa wäre vielleicht sogar froh über eine derartige Fülle an gesellschaftspolitischen Verwerfungen, über Konflikte, die tief ins Private hineinreichen und anhand derer sich Grundfragen wie die nach der Freiheit des Einzelnen beschreiben ließen.“
Barbara Toth, Falter

„Eskorta ist eine grelle Satire auf das neue Europa, unendliche Möglichkeiten und unbeschränkte Geldströme. Nebenbei läuft immer die Frage mit, was es heute heißt und dazu braucht, ein Mann zu sein. Hvorecky erzählt schnell und modebewusst, den Tiefgang versteckt er schelmisch ein, zwei Schichten unter der bunten Oberfläche.“
Sebastian Fasthuber, NOW

“Ein Buch, das unpolitisch daherkommt und dabei zutiefst politisch ist; geschrieben von einem, der 1976 in der tschechoslowakischen Republik geboren ist. Ein witziges, rasantes Leseabenteuer, das genauso Spaß macht, wie es zum Nachdenken anregt.”
Caro Wiesauer, Kurier 

„Eskorta ist ein wirklich faszinierender Roman. Der Held hat sich verkauft, sein Autor aber nicht. Großes Buch.“
Jan Drees, WDR 1LIVE Magazin 

„Die Geschichte wird spritzig und rasant erzählt, und man darf sich köstlich amüsieren. Sozialkritik und Wirtschaftskritik im Wechsel mit einem recht zügellos dargestellten Leben bieten amüsante Unterhaltung. Die exakten und klaren Beobachtungen in Plattenbauten und auf Flughäfen, in Berlin-Kreuzberg und in Hotels der Spitzenklasse, in Davos, Portugal und fast überall auf der Welt ergänzen einen Lebensbericht, der zuletzt fast ins Absurde abgleitet.“
Claudine Borries, Berliner Literaturkritik

„Gut beobachtet ist das und fulminant nimmt Hvoreckys Text das Tempo des Umbruchs auf, wo mit etwas Glück und vielen Bekannten in der neuen Nomenklatura, die fast identisch mit der alten ist, beinahe täglich große Vermögen entstehen. Firmengründungen, Millionärsmessen, Managergattinnen, denen nichts zu teuer ist – überall werden Zeichen gesetzt, hält der Lebensstil einer Gründergeneration Einzug, die im Osten mit dem Geld spekuliert, das sie einst im Westen gemacht hat.

Nun soll hier das nächste Wirtschaftswunder auf die Beine gestellt werden, doch irgendwie ahnt man bereits, dass es nicht von großer Nachhaltigkeit sein wird. Deshalb das Genießen des Moments, all die Übertreibungen des Augenblicks, der verschwenderische Luxus von Parvenüs, die nicht aufs Kleingedruckte schauen, weil sie dessen Sprache nicht verstehen.“
Dietmar Jacobsen, Literaturkritik.de

„Die Geschichte wird spritzig und rasant erzählt, und man darf sich köstlich amüsieren. Sozialkritik und Wirtschaftskritik im Wechsel mit einem recht zügellos dargestellten Leben bieten amüsante Unterhaltung.

Die exakten und klaren Beobachtungen in Plattenbauten und auf Flughäfen, in Berlin-Kreuzberg und in Hotels der Spitzenklasse, in Davos, Portugal und fast überall auf der Welt ergänzen einen Lebensbericht, der zuletzt fast ins Absurde abgleitet.“
Literature.de 

„Vielleicht sind diese Gedanken auch überzogen, und Eskorta ist kein Roman, der die Geschichte der ehemaligen Tschechoslowakei und der heutigen Slowakei symbolisch nacherzählt, sondern einfach eine brillant erzählte, überdrehte und skurrile Geschichte, die ebenso glaubwürdig-unglaubwürdig wie so mancher Roman des magischen Realismus oder des Surrealismus ist? 
Diese Frage wird vielleicht nur der Autor beantworten können, muss er aber nicht, da diese offenen Gedanken im Abgang dieses Buches sehr angenehm sind. Ein großartiger Lesespaß ist Eskorta in jedem Fall.“
Sandammeer.at 

Wer könnte über einen politisch desinteressierten Callboy einen erotischen und zugleich hochpolitischen sowie spannenden Roman schreiben? Ein junger Autor, vielleicht, der in einem sozialistischen Überwachungsstaat aufwuchs und dort lernte, unerlaubte politische Aussagen geschickt in Metaphern zu verstecken? Michal Hvorecky…

Das Buch kommt zeitgerecht mitten in den Konjunkturabschwung einer Weltwirtschaftskrise und enthält durchaus Lösungsvorschläge für krisengeschüttelte Europäer, ohne auch nur ansatzweise im Oberlehrerton Lebensweisheiten oder gar ökonomische Erkenntnisse zu verbreiten.Ein unpolitisch politischer Roman, grotesk und dennoch (oder gerade deswegen) voller Realitäten.
Karl Feldkamp, Neue Rheinische Zeitung

„Die schillernde Vision des zusammenwachsenden Europa, die in der Realität der Bankenkrise längst Vergangenheit ist: In der die Geldströme endlos fließen, in der die ewige Jugend und die ständige Lust zum Alltag geworden scheinen, in der das Alte, das Ostige, das Schäbige längst verbannt wirken.”
Ulrich Noller, Titel Magazin

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City: Leseprobe

CITY: Der unwahrscheinlichste aller Orte

Kapitel 2.

Ich wurde am 29. Februar in Bratislava geboren, genau in der Mitte Supereuropas. Ganz zu Beginn jenes Jahrhunderts, das sich gern als das letzte bezeichnete, schon als es noch kaum begonnen hatte. Mein Name ist Irvin Mirsky. Doch eigentlich bin ich Irvin Mirsky II.

Einen Irvin Mirsky hatte es nämlich schon gegeben. Mein älterer Bruder war bei seiner Geburt gestorben und meine Eltern hatten mir denselben Namen wie ihm gegeben. Sie zwangen mich meine ganze Kindheit lang, regelmäßig auf den Friedhof zu gehen, wo er beerdigt war. Ich musste ein Grab mit meinem Namen besuchen. Sie zogen mir Sachen an, die eigentlich für ihn bestimmt waren. Sie lasen mir aus seinen Büchern vor. Ich spielte mit seinem Spielzeug.

Wenn meine Mutter mit mir redete, hatte ich das Gefühl, dass sie eigentlich meinen Bruder meinte. Mein Vater gab mir oft zu verstehen, dass ich nur ein Plagiat eines Ideals war, mit dem ich mich nicht messen könnte.

Woran wohl meine Eltern dachten, als sie mich zeugten? Wollten sie nur eine Replik herstellen? Gegen den Tod gibt es kein Heilmittel. Aber auch nicht gegen die Geburt.

Meine ganze Kindheit durchlebte ich als jemand anderes. Ich kam mir vor wie ein Ersatz in einer späteren Zeit. Eine Fortsetzung. Ein Sequel. Wenn ich eine Weile Spaß an etwas hatte, wurde mir meist schlagartig klar, dass das eigentlich nicht meine Freude war, sondern dass derjenige sich amüsierte, der vor mir hier gewesen war und den ich nur vertrat und imitierte.

Alles war erst zu Ende, als meine Eltern beide bei einem Autounfall ums Leben kamen. Damals war ich elf.

Lange hatte ich das Gefühl, als wäre ich der einzige, der den Untergang von Atlantis überlebt hatte. Vorher hatte es eine komplette Zivilisation gegeben, einen eigenständigen Kontinent, und plötzlich war alles weg. Ich war als einziger Zeitzeuge übrig geblieben und musste mich nun ganz alleine an alles erinnern. Über den Wechsel an ein Internat, wo ich selbstständig werden konnte, war ich deshalb auch begeistert. Ich brauchte Veränderung.

Die meisten meiner Mitschüler hießen nach berühmten Marken. Das war modern, als unsere Eltern jung waren. Man konnte dafür von den Firmen ziemlich viel Geld bekommen, deshalb rissen sich die Familien regelrecht darum. In den Kinderwagen wimmelte es damals nur so von Babys, die nach Autos, Lebensmitteln, Möbeln oder Parfums benannt waren. Die Mädchen hießen Lancia, Nivea, Novartis, Porsche oder Nestlé, die Jungs Gucci, Evian, Hilfiger oder Renault.

Noch schlimmer dran waren die Kinder, die einen so unerträglich langen Namen wie GlaxoSmithKline, Time Warner Cable oder Doppelnamen wie Thyssen Krupp trugen. Viele Mitschüler mussten zudem während ihrer Schulzeit teilweise mehrmals den Namen wechseln, wenn die von ihnen beworbene Firma verkauft wurde oder gar Pleite ging.

Die meisten mochten ihre Namen nicht, aber sie konnten ja nichts dagegen tun. Aus ihren Verträgen kamen sie nicht heraus. Deren Auflösung hätte ein Vermögen gekostet. Wenn sie sich vorstellten, mussten sie außer ihrem Namen oft auch noch einen Slogan aufsagen, wofür es von den Firmen noch mehr Geld gab.

„Hallo, ich bin McDonald’s. Ich liebe es“, stellte sich mir ein Mitschüler vor.

„Irvin? Freut mich, ich bin Apple. Think different“, verkündete meine Banknachbarin.

„Hallo. Hier ist Vichy, weil Gesundheit auch Hautsache ist“, tönte es aus dem Telefonhörer.

Ich selbst bin nur dank der Tatsache verschont geblieben, dass es diese Mode zur Zeit, als mein Bruder auf die Welt kam, noch nicht gab. Ein normaler Name – das ist das einzige, wofür ich ihm dankbar bin. Bei meiner Geburt bekamen meine Eltern schon in der Entbindungsklinik zahlreiche Angebote, aber ihr Entschluss, mich zu einem Ersatzmann zu machen, war stärker.

Schon damals wartete ich nur noch darauf, dass ganze Länder umbenannt und dadurch Staaten wie RedBullgarien, Whirlpolen, Chevrolettland, Pumarokko oder Mazdadonien auf der Landkarte auftauchen würden.

Die Jahre, in denen ich aufwuchs, verkündeten oft selbst von sich, die fröhlichsten aller Jahre zu sein. Endlich war der Babyboom gekommen. Eine Ära, die der neuen Konsumgeneration gehörte, die in einen Wohlstand hineingewachsen war, wie ihn die Welt bisher nicht gekannt hatte.

Doch ich empfand das überhaupt nicht so. Jeden Tag sollte man in vollen Zügen genießen, aber ich verlor stattdessen einen nach dem anderen. Es war modern, so zu lächeln wie Figuren aus der Werbung, doch mir wollte das einfach nicht gelingen.

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