Eine starke Stimme für eine freie Welt

Ungebeugt in zwei Diktaturen: Die slowakische Dissidentin Agneša Kalinová ist gestorben. Nach dem Prager Frühling emigrierte sie nach München und erhob bei Radio Free Europe ihre Stimme. Nachruf für Die Welt.

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Auf der Suche nach einem Leben ohne Angst: Agneša Kalinová mit ihrem Mann und ihrer Tochter, kurz vor der Emigration in die Bundesrepublik 1978.

Mit dem Torso der Heimat weiterleben

Ich wurde 1976 in Bratislava in der ČSSR geboren und gehöre damit zur Generation der sogenannten „Husák-Kinder“. Wir waren die tschechoslowakische Variante der amerikanischen Baby- Boomer, und Husák der letzte Präsident der sozialistischen Tschechoslowakei. Als sich der Staat am 1. Januar 1993 teilte, war ich strikt dagegen. Mein Bruder, meine Eltern und die Freunde ebenso.

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Doch die Meinung eines 16-jährigen Halbwüchsigen interessierte die Mächtigen nicht. Dabei war meine Minderjährigkeit nicht das Problem: Es gab kein Referendum über die Teilung der Republik. Wahrscheinlich, weil von vornherein feststand, dass eine Mehrheit dagegen gewesen wäre. Die Trennung meiner Heimat in zwei Staaten halte ich bis heute für einen geschmacklosen Betrug an den Bürgern und einen groben Verstoß gegen die Verfassung.

Aus heutiger Sicht bin ich jedoch froh, dass es so gekommen ist. Die Tschechoslowakei war schon vor 20 Jahren nicht mehr zu retten. Sie war eine verlorene gestrige Welt, ohne Mitte, ohne gemeinsame Idee.

Das Bemühen, sie um jeden Preis erhalten zu wollen, wäre der Rettung einer Illusion gleichgekommen. Der ganze Prozess war zudem für mich eine gute Vorbereitung auf die Praktiken, die der Mafia-Kapitalismus dann mit sich brachte und der die Tschechische und Slowakische Republik bis heute weit stärker verbindet als einst die Föderation.

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Die slowakischen Lügen über Václav Havel

Václav Havel hatte es nie einfach in der Slowakei. Im tschechischen Teil der Republik war er eine Art Statussymbol der Opposition, doch in der Slowakei blieb er lange fast unbekannt. Auch vor dem strengen Verbot wurden seine kritischen Theaterstücke auf unseren Bühnen kaum inszeniert. Seine wichtigen politischen Essays aus den Siebzigerjahren, die nur noch im Samizdat veröffentlicht werden durften, gab es nur in einzelnen Exemplaren im Osten des Landes, und die slowakischen Geheimagenten kannten sie viel besser als die Intellektuellen.

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Teilen tut weh

Eine tschechoslowakisch-belgische Kolumne für Deutschlandfunk. 3. Februar 2011. Hier zum Nachhören als mp3.

Immer, wenn ich Nachricht aus Brüssel erhalte über ein gespaltenes Belgien ohne Regierung, denke ich an die Tschechoslowakei Anfang der 90er-Jahre. Das belgische politische Patt erinnert mich viel zu sehr an die Krise in meinem Land, das sich am 1. Januar 1993, nach 74 Jahren Koexistenz halbiert hat, in zwei neue selbstständige Staaten, die Tschechische und die Slowakische Republik.


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Wir Kinder unterm Fernsehturm

Den Ort, an dem ich diese Zeilen schreibe, wird es in zwei Jahren offensichtlich nicht mehr geben. Ich sitze in meinem Minibüro in der Bratislavaer Továrenská ulica, der Fabrikgasse, im ehemaligen Forschungsinstitut für Kabel und Isolatoren. Diese elektrischen Drähte müssen zu Zeiten des Kommunismus echt gut erforscht gewesen sein!

Es sieht hier aus wie in einem Laboratorium des sowjetischen Konstruktivismus oder in dem Proberaum, in dem Kraftwerk ihr Album „Die Mensch-Maschine“ aufgenommen haben. Das kafkaeske Gebäude ist gähnend leer, der Projektentwickler hat es nur gekauft, um es abzureißen.

Die Wirtschaftskrise stoppte die Pläne, so zogen junge Künstler in das Objekt. Billigere Mieten lassen sich in Bratislava nicht finden – die Immobilienpreise übersteigen oft die in Wien. Beginnende Kreative in der Slowakei leben traditionell von der Hand in den Mund, und der Staat interessiert sich nicht die Bohne für sie. Von wegen Verzärtelung durch Stipendien und Kreativaufenthalte! Stattdessen die harte marktwirtschaftliche Realität des Turbokapitalismus.

Die Medien verkündeten jüngst eine Überraschung: Die Gewinnerin des internationalen Wettbewerbs zur Bebauung der Umgebung ist Zaha Hadid.

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