Literaturszene in Tschechien und Slowakei

…In seiner Freizeit liest Jaroslav Rudiš selbst gern den slowakischen Schriftsteller Michal Hvorecky. Damit ist er eher eine Ausnahme. Mittlerweile müssen selbst slowakische Bücher ins Tschechische übersetzt werden, um bei den westlichen Nachbarn Leser zu finden.

«Früher waren beide Literaturen mit Sicherheit stärker verknüpft», meint Rudis. In beiden Ländern wird immer noch sehr viel gelesen, wenn auch weniger als früher. «Will man den Verlegern und Buchhändlern Glauben schenken, dann ist der Buchmarkt seit zwanzig Jahren in einer Krise», meint der Branchenexperte Bilek.

Für die slowakische Literatur sieht der 36-jährige Erfolgsautor Michal Hvorecky, dessen Romane auch auf Deutsch erschienen, keinen so dramatischen Einbruch. Nach einer jahrzehntelangen Dominanz tschechischer Autoren widme sich das Lesepublikum des Fünf-Millionen-Landes sogar mehr der eigenen Literatur.

In Deutschland ist gerade Hvorecky selbst der bekannteste slowakische Gegenwartsautor. In seinen Romanen verbindet er Groteskes mit realen gesellschaftlichen Erfahrungen seiner mitteleuropäischen Heimatregion. Wie sein tschechischer Kollege Rudis nimmt auch Hvorecky gesellschaftspolitisch Stellung. Als engagierter Kritiker autoritärer und minderheitenfeindlicher Tendenzen findet er auch in deutschsprachigen Zeitungen eine Plattform.

Ist die slowakische Literatur inzwischen eher abgekoppelt von der tschechischen oder gibt es noch immer eine starke Beeinflussung?

Hvorecky: Traditionell war die slowakische Literatur viel mehr von der tschechischen beeinflusst als umgekehrt. Bis heute gilt, dass ich in einer Prager Buchhandlung Bücher in zehn Sprachen kaufen kann, aber keinen slowakischen Roman – trotz mehr als 100 000 Slowaken, die dort studieren oder arbeiten. Paradoxerweise hat die Teilung des Landes dem slowakischen Buchmarkt geholfen – auch weil die tschechischen Bücher dadurch teurer wurden. Jetzt trennen sich die beiden Literaturen. Ich glaube sogar, dass die slowakische Szene lebendiger ist. Die tschechische Literatur ist in einer tiefen Krise gelandet. Ich merke das auch in Deutschland, wo der Boom der tschechischen Literatur schon lange vorbei ist. Doch die slowakische Literatur bleibt im Westen weiter ziemlich unbekannt.

Was ist typisch für die gegenwärtige slowakische Literaturszene?

Hvorecky: Inhaltlich, dass die Erzählung die beliebteste Form ist. Und organisatorisch, dass es viele kleine aktive Verleger und Verlegerinnen gibt und auch zum Beispiel bei Lesungen das Prinzip «Do it yourself» vorherrscht: Wenn ich auf eine Lesereise fahre will, organisiere ich sie selbst. In Deutschland würde sich ein großer Verlag darum kümmern.

Wie ist das Leseverhalten der slowakischen Leser und Leserinnen: Kommt slowakische Literatur bei ihnen an oder lesen sie eher ausländische Autoren?

Hvorecky: Die slowakischen Autoren werden in ihrer Heimat viel mehr gelesen als vor zehn Jahren. Der Trend ist sehr positiv. Nur sind wir noch immer keine Lesenation. Das braucht Zeit.

Mit welchen Schwierigkeiten kämpft der slowakische Literaturbetrieb?

Hvorecky: Die Bücher verkaufen sich sehr gut, vor allem vor Weihnachten. Nur gibt es viel zu viele Distributoren und Buchhändler mit schlechter Zahlungsmoral. Damit verlieren wir alle, die in dieser Branche arbeiten.

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