Narrenschiff

Strenggenommen bildet sie zwar nur den zweitlängsten Strom Europas. Doch die Donau ist für das europäische Gedächtnis bis heute beides zugleich: Kulturfluss und Tor in den Osten. Nirgends ufern in unseren Breiten mehr bedeutende Metropolen, kein Fluss hat geschichtsträchtigere Orte und Zeugnisse zu bieten. Historisch kam diesem Gewässer schon in der römischen Antike die Rolle eines Limes zu, es „trennte die Zivilisation von der Barbarei, den klaren Verstand von dunklen Instinkten“, sinniert der Bratislavaer Schriftsteller in seinem nunmehr dritten Roman Tod auf der Donau, der jetzt bei Klett-Cotta in deutscher Übersetzung aus dem Slowakischen vorliegt.


Ein Buch, das alles zusammen sein will: Kriminal- und Kulturgeschichte, Liebes-, Schelmen- und Abenteuerroman, dazu Porträt und Chronik jenes paneuropäischen Flusses, der mit Deutschland, Österreich, der Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien und Moldau ganze neun Länder durchquert, bevor er in der Ukraine, wie der kürzere Dnjepr, ins Schwarze Meer mündet. Für dieses ambitionierte Projekt ist der Autor selbst auf einem Donauschiff unterwegs gewesen, hat Kapitäne, Besatzung und „Touristengötter“ befragt und sich ein umfassendes Bild jener bizarren sommerlichen Reiseszenerien gemacht, die dort jährlich auf Kreuzfahrten zu beobachten sind.

Martin Roy, Hvoreckys Protagonist und wohl zu großen Teilen Alter Ego, betreut als sogenannter „Cruise Director“ an Bord der „MS America“ die Donautouren amerikanischer Touristen. Der Dampfer des Chicagoer Reiseveranstalters „American Danube Cruises“, von Fachleuten angeblich für das schönste Donauschiff gehalten und gleichsam „ein großes Wassertier, das nur darauf wartete, mit Menschen gefüttert zu werden“, hält Martin, eigentlich diplomierter Übersetzer italienischer Hochliteratur, seit langem verschlungen wie Jona der Walfisch.

Hier kann er sich zwar nur von den Trinkgeldern renitenter, sadistischer, gehfauler und überfütterter amerikanischer Senioren buchstäblich über Wasser halten, verdient als hyperengagierter und dauergestresster Reiseleiter aber trotzdem weit mehr als auf dem krisengeschüttelten Literaturmarkt seiner Heimatstadt Bratislava mit Magris, Malaparte oder Calvino.

Leichtfüßig und mit satirischem Elan begleitet Hvorecky seinen Helden und dessen zumeist absichtlich hinkenden und unablässig in puncto Pflegebedürftigkeit wetteifernden Schützlinge auf grotesken Tagesausflügen, etwa durch Regensburg, das den amerikanischen Gästen fast so gut wie ein Flecken namens „Bismarck“ in North Dakota gefällt; durch Wien, wo man dem drittklassigen „Österreichischen Symphonieorchester“ lauscht und begeistert fragt, an welchem Ort denn dieser Mozart wohne; und durch Budapest, das die Donau „weder blau noch schwarz, noch braun, sondern vielmehr bedrohlich grau“ durchfließt; oder Belgrad, das so oft wie keine andere Donaustadt zerstört und wieder aufgebaut wurde.

Er folgt Martin durch die Benzin- und Motorölgerüche der Unterdecks, in denen es vor alkoholisierten, gewalttätigen und Drogen dealenden Matrosen, rumänischen und serbischen Clans, gegen deren Kräftemessen sogar die Abteilung für „Human Resources“ machtlos ist, Läuse- und Wanzenplagen, schimmeligen Linoleumböden, osteuropäischen Putzfrauen mit Bachelorabschluss in Sozialwissenschaften und allerhand anderen seltsamen Wesen, „mal Mensch, mal Maschine“, wimmelt.

Dass über das Auftauchen von Martins Jugendliebe Mona hinaus in diesem Buch zwei Morde und ein kinoreifer Schiffsuntergang geschehen müssen, mag man derweil als arg überfrachtet empfinden. Dazwischen wird nicht nur die komplette Biographie des Protagonisten kapitelweise entfaltet, sondern auch mit historischen Exerzitien über die Donau, Osteuropa im Allgemeinen und den Ostblock im Besonderen zu glänzen versucht. Auch die einzelnen Charaktere und Handlungsepisoden muten zuweilen arg überzeichnet an.

Vielleicht hat Hvorecky es ein wenig zu ernst genommen, jenes Diktum Umberto Ecos, das diesem in seiner Grundidee und Anlage eigentlich sehr schönen, aber letztlich doch mit allzu vielen Karikaturen und Narrenschiffsfreiheiten überfrachteten Roman voransteht: „Ab und zu scheint es mir so, dass auf der Donau die Schiffe voller Wahnsinniger ins Unbekannte fahren.“

 Jonathan Schaake, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. 7. 2012

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